• Weinverkostung - Oliver Bock

    Hier verkostet der Weinschmecker. Er bewertet, lobt und kritisiert, was ihm auf die Zunge kommt und er veröffentlicht im Weinblog auszugsweise seine Degustationsnotizen und Weineindrücke sowie seine Weinerlebnisse auch außerhalb des Rheingaus.

Armutszeugnis: Nur noch eine Weinversteigerung!

Der VDP Rheingau zieht Konsequenzen aus der zuletzt nicht mehr als ausreichend erachteten Resonanz auf die jährliche Weinversteigerung seiner Mitgliedsbetriebe im Herbst. Die für Mitte September angekündigte Auktion in Kloster Eberbach ist abgesagt worden. Stattdessen will der Verband, dem im Rheingau 38 meist größere und renommierte Weingüter angehören, sich im März 2018 der Versteigerung der Hessischen Staatsweingütern im Zuge des Rheingau Gourmet und Wein Festivals anschließen und gleichzeitig ein neues Konzept umsetzen. Man darf gespannt sein, wer dabei mit welchen Weinen (noch) mit dabei ist, denn dem Vernehmen wird es für diese Betriebe auch noch teurer...

Es ist der nächste Schritt eines Anpassungsprozesses an die Veränderungen des Weinmarktes, der Vertriebswege der Weingüter und der Gewohnheiten der Weintrinker. Mit der herrschaftlichen Weinversteigerung war im Frühjahr 1806 im Kloster Eberbach die Tradition der Weinauktionen in der alten Zisterzienserabtei begonnen  worden. Der Herzog von Nassau, in der Nachfolge der nach 1803 um ihren Besitz gebrachten Zisterziensermönche größter Weingutsbesitzer im Rheingau, ließ erstmals fassweise Weine versteigern. Darunter den "ganzen herrschaftlichen Vorrath mit 28 Stück 1804er Rüdesheimer an den Meistbietenden gegen baare bey der Abholung zu leistende Zahlung". Das war der Beginn der modernen Weinversteigerung im Rheingau, im Lauf der Jahre ein Auf und Ab erlebten.

Vor 20 Jahren hatte es im Rheingau noch vier Versteigerungen gegeben: die Frühjahrs- und Herbstversteigerung der Hessischen Staatsweingüter als dem größten Weingut Deutschlands, die VDP-Versteigerung im September und eine Raritätenauktion im Zusammenarbeit mit dem Londoner Auktionshaus Christie's in Schloss Reinhartshausen anlässlich der Glorreichen Rheingau Tage im November. 1997 wurde im Wiesbadener Kurhaus sogar eine Spitzweinversteigerung mit renommierten Weingütern aus ganz Deutschland organisiert – bei der Preise von bis zu 15.000 Euro für Raritäten von der Mosel erzielt wurden.

Die Auktionsergebnisse waren in jener Zeit beachtlich. 1999 war eine "1921er Kiedricher Berg Riesling Auslese" des Kiedricher Weingutes Robert Weil einem amerikanischen Weinfreund sagenhafte 20.000 Mark wert. Damals wurden Erinnerungen wach an das legendäre Jahr 1987, als unter Auktionator Eberhard von Oetinger das Bietgefecht um einen „1735er Johannisberger Riesling“ des Weingutes Schloss Schönborn vom deutsch-kanadischen Wurstfabrikanten Harald Apfelbaum mit einem Gebot von 53.000 Mark für sich entscheiden wurde. Das ist bis heute unerreicht. Leider war ich da noch nicht als Berichterstatter im Rheingau...

Genau 200 Jahre nach der ersten Auktion in Eberbach ersteigerte ein anonym gebliebener Weinfreund im Kloster Eberbach eine einzelne Flasche Riesling für 10.300 Euro. Es war eine 1920er Steinberger Riesling Trockenbeerenauslese, die nach Ansicht des Leiters der Hessischen Staatsweingüter, Dieter Greiner, zu "den absoluten Spitzen" der Kloster Eberbacher Schatzkammer zählt. Es sollte aber einer der letzten großen Höhepunkte bleiben.

Die noch im Jahr 2000 geäußerten Hoffnungen, dass schon bald Rheingauer Spitzenweine im Wert von bis zu einer Million Mark über die Versteigerungen verkauft werden können, blieben unerfüllt. Schon 2005 legten die VDP-Betriebe und die Staatsweingüter ihre Herbstauktion zusammen, um – wie es damals hieß – „eine größere nationale und internationale Aufmerksamkeit erreichen und neue Impulse setzen.“ Ein nicht erfülltes Versprechen! Insgesamt meldete der VDP nach Abschluss dieser Auktion einen Umsatz von 173.000 Euro. Doch es war kein Auftakt zur nachhaltigen Besserung, obwohl damals wie heute von einer „Bündelung der Kräfte“ die Rede war.

Die Staatsweingüter hielten an ihrer Frühjahrsversteigerung fest und betteten sie 2007 fest in das Programm des Rheingau Gourmet und Wein Festivals ein. Eine kluge Entscheidung, die sich auszahlte. 2016 vermeldeten die Staatsweingüter mit einem Nettoumsatz (ohne Mehrwertsteuer) in Höhe von 97.000 Euro das beste Versteigerungsergebnis seit 2001. In diesem Frühjahr war das Ergebnis noch besser. Doch fünfstellige Beträge für Einzelflaschen blieben seit der zweiten Hälfte der 2000er Jahre die Ausnahme, vor allem nach der Wirtschafts- und Finanzkrise des Jahres 2008. Im Jahr 2009 sank bei VDP der Umsatz auf 75.000 Euro, nachdem in den Vorjahren noch jeweils rund 125.000 Euro erzielt worden waren. Die groß angekündigte Jahrhundert-Weinauktion zum bundesweiten VDP-Jubiläum 2010 fiel sogar aus. Unter dem Strich eine Blamage für den VDP!

Wer die Rheingauer Versteigerungskataloge aufmerksam studierte, dem war die Krise schon Jahre zuvor augenfällig geworden. Das Weingut Weil des VDP-Vorsitzenden Wilhelm Weil, berühmt für seine teuren edelsüßen Spitzenweine, setzt seine Trockenbeerenauslesen und Beerenauslesen schon seit Jahren nicht mehr dem Risiko der Auktion aus und offeriert dort ausschließlich Auslesen. Die VDP-Auktion wurde immer weniger attraktiv, die lange Reihe süßer und edelsüßer Weine für das Publikum ermüdend. Und die Winzer hatten Angst, bei einer größeren Partie auf Flaschen sitzen zu bleiben und diese danach aber nur noch zum Auktionspreis verkaufen zu dürfen.  Entsprechend fielen die Weine für die Versteigerung aus....

Und das, obwohl der VDP aus der schon 1897 gegründeten „Vereinigung Rheingauer Naturweinversteigerer“ hervorgegangen war mit dem Ziel, die „Zweckmäßigkeit der Weinversteigerungen zu steigern.“ Der Bundes-VDP firmierte folgerichtig bei seiner Gründung 1910 noch als „Verband Deutscher Naturweinversteigerer“. Damals allerdings war die Auktion ein bedeutsamer Absatzkanal der Weingüter. Heute geht es für viele Güter nur um einen nennenswerten Tagesumsatz. Die Weinversteigerung hat vor allem das Ziel, exklusive Spitzenweine in streng limitierten Mengen anzubieten. Es geht um exklusive Sonderabfüllungen aktueller Weine und gereifte Raritäten aus den Schatzkammern der Weinkeller. Eine Art Leistungsschau des Rheingaus, die weniger auf Umsatz als auf Image, Marketing und Öffentlichkeitswirkung abzielt. Das richtet sich vor allem an eine Handvoll Weingüter, denen die Auktion ein besonderes Anliegen ist und die überdies bereit sind, künftig mehr Geld für das Marketing zur Verfügung zu stellen. Kloster Eberbach gilt dafür nach wie vor als die ideale Bühne. Allerdings will der VDP auch ein digitales Abwicklungssystem entwickeln, um Weinfreunden aus aller Welt online das Mitsteigern zu ermöglichen. Vielleicht darf ja sogar dann wieder jeder mitsteigern und nicht nur die Kommissionäre...? Das wäre ein erster Schritt in die richtige Richtung!

(veränderter und gekürzter Text aus der FAZ vom 7. April)