• Weinverkostung - Oliver Bock

    Hier verkostet der Weinschmecker. Er bewertet, lobt und kritisiert, was ihm auf die Zunge kommt und er veröffentlicht im Weinblog auszugsweise seine Degustationsnotizen und Weineindrücke sowie seine Weinerlebnisse auch außerhalb des Rheingaus.

Aus dem Verkostungstagebuch

Das Remstal… weit mehr als Trollinger

Jürgen Ellwanger und Rainer Schnaitmann, diese beiden Weingüter waren das Ziel einer kurzen Exkursion der „Kranenmeister“, und der lohnenswerte Ertrag besteht aus vinologischen Erfahrungen erster Güte.

Schnaitmann

Kaum zu glauben, dass dieses Weingut erst sein zwanzigjähriges Bestehen feiert, denn die Weine offenbaren ein außergewöhnlich tiefes Verständnis des Terroirs aus Mergel, Schilfsandstein und Gipskeuper. Wir haben einen tiefen Blick in die recht üppige Kollektion von Rainer Schnaitmann erhalten, einem der höchst sympathischen und authentischen Qualitätsfanatiker des Remstals. Unter den vielen guten Weinen – Ausfälle gab es nicht zu beklagen – müssen diese besonders  hervorgehoben werden

2014 Simonroth Lemberger und 2014 Simonroth Spätburgunder – beide absolut top, eher kühle Eleganz, hohe Trinkanimation mit Tiefgang!

2014 Fellbacher Lämmler Lemberger GG und 2014 Fellbacher Lämmler Pinot Noir – eigentlich beide noch zu jung, brauchen noch Zeit zur Entwicklung und Dekantieren wäre beim Lemberger wohl auch angesagt…. aber fulminant ! Aber auch schon der „einfache“ 2015 Spätburgunder Junge Reben ist ein Basis-Pinot vom Feinsten. Kompliment, aber auch für den Trolli Alte Reben! Herrlich!  

Jürgen Ellwanger

Einer der Pioniere der Qualitätserzeuger im Remstal und damit ein Betrieb mit hohen Verdiensten… gerade wird umfangreich gebaut, und der verwinkelte Altbau lässt den Laien fast ratlos zurück, wie solche großartigen Weine unter solchen Bedingungen erzeugt werden können. Überragend: 2014 Lemberger (Hades-Wein!), 2015 Grauburgunder Hades, und der absolute Knaller: ein Kerner !!!!!! 2015 Nikodemus Claudius… das ist der Wein, um in jeder Blindprobe alle Freaks in die Irre zu führen! Großartige Länge und Tiefe. Fein und elegant das 2015 Schnaiter Altenberg Riesling GG trocken, und ein Schmeichler für mein Weinherz: 2015 Lemberger Hebsacker Lichtenberg trocken

Aldinger

haben wir leider nicht besucht, aber zwei großartige Weine getrunken: 2015 Sauvignon blanc Große Reserve (Hut-ab-Wein!!!) und 2014 Untertürkheimer Gips Riesling trocken mit Finesse und vor allem hoher Präzision, geschliffene Eleganz, fein, hoher Trinkfluss!

Ergänzt wurde die Kranenmeister-Exkursion anlässlich der 100. Probe durch eine spannende Blindverkostung ausgewählter Weine, darunter natürlich den völlig zu unrecht verachteten Trollinger und den häufig völlig unterschätzten Lemberger (Blaufränkisch!)

Trollinger: 2014 Ellwanger Gutswein, 2014 Heid Fellbacher LÄmmler, 2015 Beurer und 2015 Zimmerle „Architekt“. 4 schöne Beispiele für das Potential und ebenso für die Grenzen der Rebsorte zu Preisen zwischen 6,50 und 9,50 Euro. Leicht gekühlt kann Trollinger ein feiner, leichter Trink-Rotwein sein. Persönlich fand ich Beurers Trollinger besonders spannend, die Mehrheit votierte aber für den Lämmler von Heid knapp vor Zimmerle. Kaufen würde ich mir allerdings den im Weingut verkosteten „Trollinger Alte Reben“ von Schnaitmann, der in diesem Flight nicht vertreten war.

Lemberger: Eine andere Liga, Preise zwischen 11 und 33 Euro für 2015 Ellwangers Hebsacker Lichtenberg, Aldingers 2013 Fellbacher Lämmler GG und Haidles Stettener Mönchberg GG. Hier hatte Haidle die Nase vorn, wobei bei längerem Luftkontakt Aldingers hohe Präzision schon überragt hat… auf meiner Zunge zumindest.

Riesling: Beurer 2014 Stettener vs. 2015 Ellwanger Beutelsbacher Altenberg vs. Haidle 2015 Stettener Pulvermächer vs 2014 Aldinger Fellbacher Lämmler. Also auch hier fand ich Beurer besonders gut – da muss ich mal hin – doch Aldinger hatte am Ende mit seinem Riesling die Nase vor.

Sauvignon blanc alle 2015: Heid Steinmergel, Kuhnle Gutswein, Aldinger Große Reserve und Fellbacher Weingärtner mit Edition S. Die Weingärtner schlugen sich wacker, mussten aber Aldlinger doch klar wegen dessen Präzision und Klarheit den Sieg überlassen, dessen Sauvignon mit 18,70 Euro aber auch der mit Abstand teuerste dieser Probe war.   

und sonst gelegentlich zwischendurch…

Hessische Staatsweingüter Kloster Eberbach:

2015 Rauenthaler Baiken Riesling trocken

2007 Berg Schlossberg Riesling 1. Gewächs

2015 Neroberg Riesling trocken – die 2015er doch recht gut mit hoher Fruchtfülle und Prägnanz, 2007 allerdings schon etwas müde, könnte auch ein Flaschenfehler gewesen sein…

2009 Höllenberg Spätburgunder trocken – mein Lieblingswein aus dem Höllenberg“

2015 Riesling „Lehrstück“ … ein Wein der Auszubildenden des Weinguts… gut gemacht! Sehr süffiger, aber auch gut strukturierter und balancierter Wein mit gutem Trinkfluss! Weiter so!

August Kesseler, Assmannshausen

2016 Riesling „The Daily August“ – ein Produkt der “Aufspaltung” des Weinguts Knyphausen nach dem Investoren-Ausstieg… sehr gut, sehr süffiger, leckerer Schnabulierwein… Easy drinking auf hohem Niveau, Spaßwein, schmeckt nach mehr….

Champagne LeMesnil Blanc de Blancs Grand Cru extra brut – sehr cremig, buttrig, aber nicht breit oder zu oxydativ, gut

Graf von Kanitz, Lorch

1989 Lorcher Pfaffenwies Riesling Spätlese – spannend, für den Jahrgang aber eher untypisch…

Adeneuer, Ahr

1997 Walporzheimer Gärkammer Spätburgunder Spätlese trocken – für das Alter gut gehalten, Tabak, Lakritz, weiche Tanine

Castillo des Val 1998 Vino Valdevegon – überraschend guter spanischer Rotwein mit überraschend kühlem Zug und Trinkfluss bei moderatem Alkoholgehalt, fein, muss man sich merken!

Weingut J. Neus, Ingelheim

2014 Ingelheimer Alte Reben Spätburgunder – lange nix mehr getrunken von einem der Rotweinpioniere Rheinhessen… aber nach einer langen Schwächephase scheint ein Wiedererstarken erkennbar !

Weingut Robert Weil, Kiedrich

2011 Riesling Sekt brut – Überraschend frisch, cremig, fein, da waren alle Befürchtungen des Gastgebers ob der Haltbarkeit des 2012 degorgierten Sektes völlig umsonst ! Ein Genuß!

2003 Gräfenberg Riesling 1. Gewächs – steht immer noch wie eine Eins im Glas, jahrgangtypisch moderate Säure, aber schön frische Cremigkeit

2009 Turmberg Riesling Auslese – was für ein leckeres flüssiges Dessert auf dem Balkon an einem der ersten schönen Apriltage… ein Hochgenuss (und perfekt zur Zigarre!)

Weingut Pfeffingen, Pfalz

2015 Riesling Ungstein trocken – sehr süffig, saftig, gut

Neu im VDP: Weingut Krone Assmannshausen (2012 Juwel Spätburgunder & 2013 Weißburgunder) und Weingut Knebel, Mosel, 2015 Uhlen Riesling… bei der VDP-Pressekonferenz dazu ein klarer Beweis auf der Zunge, dass beide unbedingt dazugehören!

Balthasar Ress, Hattenheim

Die neue Vinothek ist fertig. Sehr schön geworden, netter Arbeitsplatz für Dirk Würtz, coole Atmosphäre, stylish aber nicht „over“, zur „Eröffnung“ 2016 Rheingau Riesling Kabinett trocken (also der Jahrgang wird bei den guten Erzeugern auch wirklich gut und weit besser als zunächst gedacht…), 2016 Oestrich Riesling trocken (ein Hoch auf die Ortsweine!) und 2015 Spätburgunder „Caviar“ (wow, kühle Eleganz, französische Art, hätte „Gott in Frankreich“ auch gefallen, klasse!

Himmel & Lauer, Hochheim

Zwei höchst sympathische Hochheimer Weingüter, die jetzt eng am Standort von Himmel zusammenarbeiten… und gemeinsam Weine erzeugen. Sie haben auch gemeinsam ihre Weine vorgestellt… insgesamt eine ordentliche, in Teilen sehr gute Kollektion… 3 Weine haben meines Erachtens herausgestochen:

2016 Wickerer Mönchsgewann „Lokal“ Riesling trocken (sehr süffig, klar, fruchtbetont), 2016 Himmelstraum Spätlese trocken (ein „echte“ trockene Spätlese, ihrem Namen auch gerecht wird…!), und 2013/2015 Lumen Naturale, wobei 2013 jetzt die Trinkreife erreicht und sich zum Faszinosum gemausert hat!