• Weinverkostung - Oliver Bock

    Hier verkostet der Weinschmecker. Er bewertet, lobt und kritisiert, was ihm auf die Zunge kommt und er veröffentlicht im Weinblog auszugsweise seine Degustationsnotizen und Weineindrücke sowie seine Weinerlebnisse auch außerhalb des Rheingaus.

Schlemmerwoche-Impressionen

10 Tage, 115 Teilnehmer, zufriedene Winzer, begeisterte Weinfreunde, die Rheingauer Schlemmerwoche ist auch nach 30 Jahren ein Erfolg, zumal Abwechslung durch neue Teilnehmer garantiert ist, darunter teils bekannte Namen (Leitz… top!), teils völlig unbekannte (Trinks-Trinks, wie bitte…?!?) Bewährt hat sich eine ausgedehnte Schlemmerwochenwanderung, weil zwischen den Schoppen jeweils eine ordentliche Gehstrecke liegt, in diesem Fall 18 Kilometer zwischen Eltville über Hallgarten nach Winkel.

Hirt-Gebhardt

das ist sie also, die neue Vinothek nebst großzügiger Probierstube, großer Terrasse mit Fernblick und Kellerei. Wenn die Eingrünung erst einmal hochgewachsen ist, sieht das Ganze sicher noch erträglicher aus. Doch der Standort ist einfach unglücklich gewählt. Ein prickelnder Startpunkt vor Ort: 2014 Rauenthaler Steinmächer Rosé brut, 2015 Rheingau Riesling brut und Filius Secco. Hier gibt es tatsächlich noch Sekt für weniger als 8 Euro und Schaumwein für unter fünf! Leider war der Geschmack genau entsprechend, der Sekt eher stahlig, eher dünn und eher säuerlich, der Rosé dagegen schmeckte nach einem Himbeerbonbon im Mund. Also den Blick genießen und weiter zu…

H.J. Ernst

(denn Offenstein öffnete unverständlicherweise auch am Sonn- und Feiertag erst nach 14 Uhr…das muss aber niemand verstehen…), seit vielen Jahren hat Familie Ernst mit Gosch-Fisch-Spezialitäten ein echtes Alleinstellungsmerkmal und stets übervolles Haus. Über die frisch gebratenen Garnelen und ein geschmackvolles Nordseekrabbenbrötchen geht als Vorspeise gar nix! Superb! Leider erleben wir bei den Weinen Jahr für Jahr ein wenig konstantes Auf und Ab. Der 2016er Sauvignon blanc hat allerdings durch reintönige Frucht und Eleganz durchaus gefallen, und er stellte den 2016 Riesling Kabinett trocken eindeutig in den Schatten

Steinmacher & Sohn

Ein Jammer, dass die rustikale Gutsschänke mangels Koch/ Pächter –hoffentlich nicht auf Dauer – geschlossen ist, aber natürlich müsste diese arg betuliche Gaststube auch innen und außen dringend mal modernisiert werden. Zur Schlemmerwoche der große kulinarische Lichtblick mit Eric Elbert (Ex-Gronesteyn) als Gastkoch, das war geschmacklich „erste Sahne“. Bei den Rieslingen sind es stets jene aus dem Klosterberg, und vor allem die Alten Reben, die mich am ehesten überzeugen

Kreis

in Hallgarten ist mit seiner phänomenalen Terrasse bei gutem Wetter stets eine Bank, die Rieslinge sind verlässlich und solide, auch wenn es noch Luft nach oben gibt. Der Frühlings-Flammkuchen dazu ein Genuss!

Bibo & Runge

nur ein paar Schritte weiter, überzeugt für mich nach dem heterogenen ersten Jahr mit jedem Jahrgang ein wenig mehr. Der 2015 Hargadun wirkt recht komplex und finessenreich, 2015 Revoluzzer ein tatsächlich großer Wein, der wir bald nochmal nachverkosten müssen….

Peter Jakob Kühn

Von Hallgarten fällt der Weg nach Oestrich leicht, und Kühn ist ein einnehmendes Ziel. Der 2016er Jacobus überzeugt mich zwar nicht ganz so wie 2015, aber 2016 Rheinschiefer und Quarzit sind beides großartige Rieslinge, Ortsweine par excellence. Hut ab ! Mehr davon!

Allendorf

Ein ideales Ziel, ob von Eltviller oder von Assmannshausen aus startend. Klasse Küche, top Weine, doch genug der Schoppen-Probiererei, eine Flasche 2016 Roter Riesling trocken muss jetzt her… top, irgendwie noch besser gelungen als in den Vorjahren

Lorch

Lorch mit dem Zug, das ist für mich stets der Höhepunkt der Schlemmerwoche! 6 Top- Winzer (von denen ich leider je nach Konstitution und Begleit-Team stets nur 4-5 schaffe…) in fußläufiger Distanz, das ist großartig. Diesmal ließ ich Kanitz und Laquai aus, dafür ging es los mit

Wurm/ Ottes

Die Transformation des Weinguts Ottes zu Wurm ist fast vollzogen, und die Küche konzentriert sich jetzt mit wachsemden Umfang auf spanische Gerichte. Natürlich müssen deshalb zum Riesling Tapas auf den Tisch, aber das nächste Mal ist die Paella dran, versprochen! 2016er sucht der Gast hier zwar noch vergebens, aber die 2015er haben sich prächtig entwickelt, allen voran der Lorcher Schlossberg und der Lorcher Riesling. Genial nach wie vor der 2015er Riesling Schiefer, der allerdings Luft braucht, um sich zu entwickeln.

Weiler

Das ist nach wie vor einer DER Geheimtipps im Rheingau mit einem wunderschönen Schiefer-Keller, den man gesehen haben muss. Wir haben die Karte (fast) rauf und unter probiert und sind wieder einmal sehr angetan, wobei unsere Lieblinge der betont mineralisch-würzige 2016 Pfaffenwies Kabinett „Quarzit“ und – mit leichten Vorsprung – der feinfruchtige 2016 Krone Kabinett „Schiefer“ mit seinem kühlen Zug und hoher Trinkanimation sind. Auch in diesem Weingut wären die alten Prädikate für die einprägsamen Terroirweine leicht verzichtbar, aber das ist ein anderes Thema. Sehr süffig mit feinen Pfirsicharomen ist die feinherbe Spätlese aus der Krone. Die trockenen Weine sind durchweg von saftiger Eleganz, auch wenn es hier und da etwas weniger Restsüße sein dürfte.

Mohr

Zu den feinen Speisen von Saynur Neher muss man eigentlich nicht mehr viel sagen, der zunehmend orientalische Touch hat dem Weingut insgesamt neuen Schub und einen überzeugenden Auftritt mit Alleinstellungsmerkmal gegeben. Unter den Weinen spielte diesmal der 2016 Weißburgunder trocken die Rolle des Primus.

Altenkirch

Nirgendwo lässt sich eine Lorcher Tour besser beschließen als bei Altenkirch. Nicht nur wegen der Nähe zum Bahnhof, sondern weil Jasper Bruysten großartige Weine erzeugt und weil Ronny Licht die richtigen Tropfen aus dem Keller holt: In unserem Fall 2009 Grauschiefer trocken und eine Flasche 2008 Lorcher Krone Riesling trocken. Klare Top-Weine zum fairen Preis, mit denen man Lorch in bester Erinnerung behält.

Erbach, unser nächstes Ziel..

Wenn ein Weindorf mit Lorch mithalten kann, dann vielleicht Erbach.

Jakob Jung

Die neuen Etiketten sind ein echter Hingucker und insgesamt sehr gelungen, ein mutiger Schritt in der Optik. Gut, dass auch die Weine verlässlich bis herausragend sind. Die Joker-Einstiegsweine sind eine schöne Visitenkarte der Weinguts, vor allem der geschmeidige, nicht zu kernige Riesling und straffe, fruchtige, geradlinige Blanc de Noir. Die Süße des Rosé macht den Wein sicher zum Verkaufsschlager auf allen Festen, mein Liebling wird er deshalb aber nie. Der VDP.Gutswein ist deutlich ernsthafter als die Joker-Variante, aber auch sehr kernig, herzhaft, etwas nervig geraten…nichts für Weicheier. Dagegen zeigt der Erbacher Riesling, wie gut die Ortsweine geraten können, eine echte Freude zum hervorragenden Preis-Leistungs-Verhältnis. Eine sehr gute Idee war es, das Sortiment zu straffen und Weißburgunder und Chardonnay zu vermählen. Herausgekommen ist ein straffer, präziser Weißwein mit hoher Strahlkraft und von einnehmendem Wesen. Guter Trinkfluss. Dagegen mehren sich bei mir Zweifel, ob 2016 im Rheingau ein Sauvignon blanc-Jahr war… ich muss diesen Weinen mehr Zeit geben….  

Ein PS. aus der JUNG-Schatzkammer: 2007 Erbach Hohenrain Erstes Gewächs und 2008 Erbach Siegelsberg Erstes Gewächs. Beide großartig gereift mit Finesse, Schmelz und Eleganz, dabei unverkennbar ein Spiegel des  jeweiligen Jahrgangs. 2008 dabei mit ungeheurem Trinkfluss durch fein verwobene Säure, Spiel, Komplexität, Mineralität par excellence, da verlangt jeder Schluck nach dem nächsten...  

Heinz Nikolai

Immer ein verlässlicher Erzeuger mit guten Qualitäten, auch wenn mir nicht wenige Weine ein wenig zu süss geraten sind. Vielleicht gerade deshalb sind der 2016er Sandgrub Riesling mit seiner Frucht und Eleganz und vor allem der trockene Kabinett aus dem Hallgartener Schönhell mit seiner pikant-würzigen Art meine klaren Favoriten. Ebenfalls gut 2016 Primus Maximus, bei dem aber ebenfalls weniger Zucker mehr Charakter bedeuten würde. Die 2015er Ersten Gewächse scheinen gerade in einem Tief und wirken recht verschlossen, da heißt es: abwarten. Und zum Thema Sauvignon blanc siehe oben!

Jung-Dahlen

Der „Junge Dahlen“ hat in der Neugasse die „kleinste Vinothek des Rheingaus“ eröffnet, Kompliment für die Gestaltung!, und seine zweite Kollektion aus jetzt 6 Weinen vorgestellt. Die Weine zeigen eine übereinstimmende Stilistik, klare Frucht und Linie. Allerdings sind sie mir sämtlich zu süß geraten. Selbst der „Auftakt“-Riesling hat mehr als 8 Gramm Restzucker und wirkt so sehr weich und feminin. Für den durchaus ambitionierten Spätburgunder sind 5 Gramm RZ ebenfalls viel zu viel, und die Edition Duett aus Riesling und Chardonnay ist eine sehr interessante Cuvée, ihr Charakter aber durch die Süße stark verdeckt. Schade. Ein richtig trockener Charakterwein, das wäre eine Herausforderung!

Geisenheim

…natürlich zu Sohns. Schöner Neubau in angemessener Lage an einem Standort, der ohnehin für Aussiedlungen planerisch vorgesehen war. Es ist daher ein Unding von vermeintlichen Kulturlandschaftsschützern, alle Neubauten über einen Kamm zu scheren. Auch die Dimensionen bei Sohns schienen mir sehr angemessen. Und zur Eröffnung gab es als neue Kreation einen 2016 Riesling „Fegefeuer“ aus umliegenden Lagen, der präzise und geschliffen eine echte Trinkfreude ist. … und dann natürlich auch zu Leitz in die Rüdesheimer Straße: die neue Vinothek ist sehr imposant geworden, die Halle zeugt von einem Musterbetrieb, das muss man alles mal gesehen haben, und die Kollektion ist wirklich überzeugend, ich plädiere in jedem Fall für alles, was aus der Lage Kaisersteinfels offeriert wird...! Ebenfalls interessant: Werk 2 in der Behlstraße (gegenüber dem gerade abgebrannten Plattenladen!) Hier werden auf 0,5 Hektar 2000 Flaschen Wein erzeugt, darunter der 2015 Dreamweaver Riesling aus der Lage Hattenheimer Hassel, sehr ordentlich für das Hobby eines IT-Spezialisten... Zu Geisenheim gehört natürlich auch Johannisberg und damit

Chat Sauvage

...das nach dem Wechsel von Michel Städter zur Domäne Schloss Johannisberg jetzt unter neuer Leitung steht. Wir haben die verfügbaren Weine (und einige mehr) verkostet, und sind insgesamt sehr angetan. Die beiden Chardonnays "Rheingau" und "Clos de Schulz" aus 2015 können beide mit Schmelz und Trinkfreude überzeugen, der Clos braucht natürlich noch deutlich mehr Zeit zur Entwicklung und in jedem Fall Luft zum Atmen, aber die Anlagen sind klasse. Bei den Pinots hatten wir in seltener Klarheit die Erfahrung, dass Lorch gegenüber Assmannshausen einfach im  Vorteil ist. Während bsp. der 2011er Assmannshäuser eher breit und muskelbepackt daherkommt, gibt sich der 2013 Pinot Noir Lorch als grazile Tänzerin mit belebender Säure und Finesse. Und bei den sehr teuren Einzellagen-Pinots hat der Lorcher Kapellenberg mit seiner Eleganz einen deutlichen Vorteil gegenüber dem Höllenberg. Der absolute Hit war am Ende auch nicht der feine 2013er Rüdesheimer Drachenstein und auch nicht die druckvolle 2012 Johannisberger Hölle, sondern ganz eindeutig 2013 Lorcher Schlossberg Pinot Noir. Das ist ein wahrhaft großer Burgunder!