• Weinverkostung - Oliver Bock

    Hier verkostet der Weinschmecker. Er bewertet, lobt und kritisiert, was ihm auf die Zunge kommt und er veröffentlicht im Weinblog auszugsweise seine Degustationsnotizen und Weineindrücke sowie seine Weinerlebnisse auch außerhalb des Rheingaus.

Allendorfs Goethewein

Allendorfs Goethewein

Eines der Gründungsmitglieder des VDP Rheingau, die Gutsverwaltung Brentano in Winkel, ist schon seit vielen Jahren nur noch Weingeschichte. Das einst rund zehn Hektar große Weingut, das schon lange nicht mehr zu den ersten Adressen der Region gehörte, ist untergegangen, viele Rebflächen gingen an Schloss Vollrads. Inzwischen hat die Familie auch das romantische, 1751 erbaute Brentanohaus an das Land Hessen verkauft, das für eine große Stange Geld die Sanierung eingeleitet hat. Das Brentanohaus, 1806 von der Familie Brentano übernommen, äußerlich schon renoviert, wird in den nächsten Jahren auch durch seine sagenhaften „inneren Werte“ zu neuer Blüte reifen. Dem „Goethewein“ ist das schon gelungen. Der hauseigene Weinberg ist ebenso wie die Schänke des Brentanohauses von der Familie Allendorf gepachtet worden. Die Weinberge sehen seither (auch dank einer kleine Schafherde!) wieder sehr gepflegt aus, verbrachte Flächen wurden neu bestockt.

Uli Allendorf und Max Schönleber haben den geglückten Neustart genutzt, um tief in die Schatzkammer zu greifen als Hommage an die Winkeler Weinberge, vor allem den Hasensprung, der schon seit 200 Jahren zu den besten Lagen der Region zählt. Ein auserwählter Kreis hatte die Chance, 42 Weine in 13 Flights zu verkosten. Imposant. Mit dem 2016 Goethewein ist das Weingut in jedem auf dem richtigen Weg: Trockener, straffer, präziser als das 2015er-Erstlingswerk.

Ein toller Überblick bot die Vertikale der Großen Gewächse aus dem Jesuitengarten (2013- geplant 2016), Hasensprung (1990 wow!, 2000 kaum zu glauben für den Jahrgang!, 2015 GG und 2016 geplant GG) sowie Rüdesheimer Roseneck (2010 EG… dieser Jahrgang wird ein Klassiker!!!, 2011 EG, 2015 GG und 2016 geplant GG).

Doch das war schon fast Beiwerk der Probe, wenn auch notwendig, um das aktuelle Potential der Lagen beispielhaft aufzuzeigen. Zu Sache ging es bei den alten Kameraden, darunter auch einige Brentano-Weine, die im direkten Vergleich aber gegenüber Allendorf meist blass blieben. Ein Beispiel der 1966 Hasensprung Eiswein von Brentano, der wenn nicht korkig, dann in jedem Fall muffig war, während der 1966er Edelmann-Eiswein von Allendorf sehr elegant und mit pikanter Säure glänzte. Ein anderes Bild boten die beiden Auslesen: Allendorfs 1990er Jesuitengarten leider bei längerem Luftkontakt sehr blumig, kräuterig und mit den von mir nicht geliebten Liebstöckl-Aromen, während Brentano für den Jahrgang 1985 eine ordentliche Leistung bot, recht saftig. Die Verkostung 12 Auslesen (1970, 1971, 1973 und 1976) einen fast einmaligen Blick zurück in die siebziger Jahre. Erstaunlicherweise hinterließen die 1976er und die 1973er den schwächsten Eindruck, während 1971 glänzte und 1970 die Stärken eine vermeintlich kleinen Jahrgangs voll ausspielte: Gute Säure! Mein klarer Favorit aber war die 1971 Hasensprung Auslese von Allendorf.

Der besten Flight bestand aus vier Beerenauslesen der Jahre 1971 (ganz großartig, perfekt!), 1976 (rauchig, torfig, finessenhaft, fein), 2002 (sehr gradlinig, cremige Feinheit, Eleganz) und 2015 (süßer Embryo!), den konnten trotz ihrer Mächtigkeit auch die 3 TBAs der Jahre 2003 (könnte in einigen Jahren großen Spaß bereiten) und 2011 und 2015 (beide noch viel, viel zu jung) nicht in den Schatten stellen.

Ein Höhepunkt am Rande: 2014 Höllenburg Spätburgunder GG (Finesse, Veilchen, unverkennbare Lagenaromatik!) vs. 1999 Quercus Superior (der Arnold Schwarzenegger unter den Rheingauer Pinots!) vs. 1975 Clos de Vougeot Grand Cru (so macht auch mir Bordeaux richtig, richtig Spaß!) und 1959 Assmannshäuser Spätburgunder (unfassbar frisch, elegant, kaum Säure, aber dafür berauschende, klare Frucht, herrlicher Abgang, als derart gereifter Pinot nicht erkennbar, großer Wein!)

und war war sonst noch....?

Georg Breuer, Rüdesheim

2015 Orleans – eine historische Rebsorte (wie Weißer Heunisch u.a.), die vom Weingut Breuer verdienstvoll gepflegt wird. Das ist nicht nur Nostalgie, denn der Wein ist lecker. Ein wenig rustikal vielleicht, ich würde ihn als „Bauern im Sonntagsanzug“ beschreiben, guter Zug, druckvoll, perfekt zur Vesperplatte, zu zünftiger Hausmannskost, vielleicht zum Leberwurstbrot! Zu Schinken allemal.

2016 Rüdesheim Estate Riesling – kaum zu glauben, wie früh im Jahr diesmal die Breuer-Weine schon zugänglich sind. Ein Wein mit großer mineralischer Strahlkraft, sehr präzise, geschliffen, direkt, unverblümt Riesling, große Trinkfluss, animierend!

Schloss Reinhartshausen, Erbach

Gut, dass sich Familie Lergenmüller mit Familie Balzer auf die Fortführung der Partnerschaft in der Schlossschänke Reinhartshausen geeinigt hat. Vom Ambiente und vom Speisenangebot einfach empfehlenswert. Hier kann die Seele baumeln. Bei den Weinen scheint das Weingut mit dem Jahrgang 2016 allerdings nicht eine besonders glückliche Hand gehabt zu haben. Die trockenen Literweine fallen jedenfalls eher befremdlich aus. Deutlich besser aber steigerungsfähig sind die Weine von der Insel, also 2016 Inselsatz (Auxerrois, Riesling, Silvaner), 2016 Sauvignon blanc und 2016 Weißburgunder & Chardonnay… am besten gefiel mit 2015 Weißburgunder Reserve, während es dem 2015 Chardonnay „Thanks Bob“ ein wenig an Struktur, Finesse und Schmelz fehlt.