Tröpfchenbewässerung zahlt sich aus

Der Klimawandel ist keine Fiktion, denn besonders steile Weinberge dürsten sichtbar. Bewässerungsanlagen könnten helfen, doch die größte Hürde lautet: Woher kommt das Wasser?

Die Antwort der Winzer auf den Klimawandel tropft aus schwarzen Schläuchen. Die Hessischen Staatsweingüter haben Ende Juni mit der Bewässerung einiger Parzellen in Hessens steilstem Weinberg, dem Rüdesheimer Schlossberg begonnen. Carsten Weiland, der Außenbetriebsleiter der Domäne Assmannshausen, sieht dem Weinberg schon vom weitem an, dass er dürstet. Die Hochleistungspumpe, die zwischen Binger Mäuseturm und Burg Ehrenfels auf dem Grund des Rheins liegt, fördert mit hohem Druck Wasser aus dem Binger Loch fast 200 Meter in die Höhe, wo es über ein System von Schläuchen tröpfchenweise den Rebstöcken zugeteilt wird. Ein ausgeklügeltes System, das aus Israel stammt und das über eine ausgefeilte Technik der Druckkompensation verfügt die sicherstellt, dass die Wassermenge an jedem Rebstock gleich groß ist.

Ein paar hundert Meter entfernt, im Rüdesheimer Rottland, müssen die Mitarbeiter der Staatsweingüter dagegen mühsam mit 5000 Liter-Tanks das Wasser aus einer öffentlichen Zapfstelle heranschaffen und in die Schläuche lenken, um dem dort wachsenden Cabernet Sauvignon-Rebstöcken ein gutes Wachstum zu ermöglichen. Gut 1100 Rebstöcke stehen dort, die binnen einer Stunde den Tank leeren. Als ideal gilt die Zugabe von zwölf Litern Wasser an einem Tag der Woche. Anders als bei Regen, der nur sehr langsam und sehr gleichmäßig in den Boden versichert, kommt dieses Wasser gezielt an den Wurzeln an.

Der Klimawandel lässt immer mehr Winzer über Bewässerungsanlagen nachdenken. In Rüdesheim haben sich schon das Bischöfliche Weingut und das Weingut Georg Breuer dem Projekt der Staatsweingüter angeschlossen und bewässern ebenfalls. Andere Weingüter wie Corvers-Kauter haben eigene Anlagen installiert. Wegen seiner Steilheit, der hohen Sonneneinstrahlung und dem durchlässigen Schieferboden, der Regenwasser nicht halten kann, ist der Rüdesheimer Berg für Bewässerungsanlagen prädestiniert, zumal Weine aus diesen Berglagen auch zu höheren Preisen abgesetzt werden können, die den Aufwand rechtfertigen. Wie notwendig er ist, belegt das Netz der Wetterstationen im Rheingau. Im April fielen in diesem Jahr an der Burgruine Ehrenfels nur 4,7 Liter Wasser je Quadratmeter. Im Vorjahr waren es 63 Liter. Seit dem Herbst vergangenen Jahres haben sich in den Weinbergsböden beachtliche Wasserdefizite aufgebaut.

Der Wassermangel lässt sich auch wissenschaftlich messen, beispielsweise über den Chlorophyll-Druck im Blatt des Rebstocks. „Man muss aber auch ein Gefühl dafür haben“, sagt Stefan Seyffardt, der für die Bewirtschaftung der Weinberge der Staatsweingüter verantwortlich ist. Und Erfahrungen. Die Staatsweingüter haben schon Ende der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Kooperation mit Wissenschaftlern mit Bewässerung experimentiert, noch ehe in der Folge der trockenen Jahre 2003 und 2004 die Diskussion über die Bewässerung der Weinberge deutschlandweit an Fahrt aufgenommen hat.

„Ein Weinstock muss auch leiden“, heißt es zwar unter Winzern, die besonders hohe Qualitäten erzeugen wollen. Aber zu viel ist zu viel. In Weinbergen wie dem Rüdesheimer Berg sinkt dann nicht nur der Ertrag auf ein wirtschaftlich bedenkliches Niveau, während die Weinqualität dennoch mäßig bleibt. Vor allem aber kann Trockenstress in der Rebe dazu führen, dass sich im Wein später eine unangenehme Geschmacksnote, der „untypische Alterungston“ UTA, bildet. Zwar haben die Staatsweingüter auch in Rauenthal die Möglichkeit zur Bewässerung, aber die Erfahrung hat gezeigt, dass dort die steilen Weinberge viel besser mit Wasser versorgt sind und viel besser lange trockene Phasen verkraften als der Rüdesheimer Berg mit seinen drei Renommierlagen Schlossberg, Roseneck und Rottland. Allerdings hilft viel nicht unbedingt viel. Seyffardt hält auch die Dosis für entscheidend. Dem Rebstock dürfe nur so viel Wasser gegeben werden, dass er sich nicht an die regelmäßige Zufuhr gewöhne. Im Extremfall könne die Wurzel unerwünscht nach oben wachsen, weil sie dort leichter an das Wasser aus den Schläuchen kommt anstatt möglichst tief in der Erde.

Die wichtigste aller Fragen ist allerdings: Woher das Wasser nehmen? An den Rheinstrom dürfen die Staatsweingüter nur mit einer Ausnahmegenehmigung, die sie gemeinsamen Versuchen mit der Forschungsanstalt Geisenheim verdanken. Der Wasserstraße Rhein generelle Wasser für kommerzielle Zwecke zu entnehmen, das geht nicht, zumal lange trockene Zeiträume in der Regel auch einen niedrigen Wasserstand im Rhein bedeuten. Auch neue Brunnen zu bohren ist nicht so einfach. Und alte Brunnen und Schürfungen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr für die Trinkwassergewinnung genutzt werden und die es im Taunus öfter gibt, sind im Rheingau die rare Ausnahme.

Die Bewässerung von Weinbergen gilt nicht nur bei den Staatsweingütern neben der Terrassierung von Weinbergen und der zunehmenden Automatisierung und Technisierung der Bewirtschaftung als wichtiges Instrument, den Weinbau in den Steillagen dauerhaft zu erhalten und damit auch das Gesicht der Kulturlandschaft zu wahren.  Und der Rheingau ist keine Ausnahme. Am Scharlachberg bei Thüngersheim im Landkreis Würzburg wurde im vergangenen Jahr eine Pilotanlage zur dezentralen Bewässerung von Weinbergen in Betrieb genommen. Mit ihr will die Landesanstalt für Wein- und Gartenbau Veitshöchheim zeigen, dass Tröpfchenbewässerung wasserschonend und geldsparend möglich ist. (leicht gekürzte Fassung meines Berichts für die F.A.Z.)