Erstes Gewächs Rheingau

Vier Tage im August! An diesen vier Tagen fällt aus Rheingauer Sicht das finale Urteil über den Weinjahrgang 2016, denn samstags zeigt der VDP Rheingau eine Auswahl der Großen Gewächse. Sonntags legt der Rheingauer Weinbauverband mit den Ersten Gewächsen nach, und in Wiesbaden werden GGs aus allen Anbaugebieten einschließlich Rheingau drei Tage lang erschnüffelt, geschlürft und bewertet.

Im Rheingau testet der Weinbauverband fast jedes Jahr ein neues Konzept, einen neuen Termin und/ oder einen neuen Ort, um seine Ersten Gewächse vorzustellen. Die ideale Konstellation kann es vermutlich gar nicht geben, aber Burg Schwarzenstein war diesmal als stimmungsvoller Ort gut gewählt. und die lockere Art einschließlich Selbstbedienung war passend, weil sie jedem sein eigenes Verkostungstempo ließ – und meines war und ist zugegeben zügig.

Natürlich würde sich der Weinbauverband mehr mediale Aufmerksamkeit wünschen, aber das ist illusorisch. Tatsächlich muss sich der Verband durchaus Sorgen machen, wie es mit den 1999 erstmals vorgestellten „Ersten Gewächse“ weitergeht, nachdem die Rheingauer VDP-Güter seit 2012 ihre eigenen „GG“-Wege gehen. Im Weinjahr 2016 haben sich bislang nur 24 Erzeuger beteiligt und auf Burg Schwarzenstein 30 Erste Gewächse vorgestellt, die für eine Gesamtmenge von lediglich 22.500 Liter stehen. Das ist sehr wenig. Eine solche GG-Menge erzeugen einige größere VDP-Betriebe inzwischen ganz allein.

Beunruhigend ist vor allem die Tendenz: Im vergangenen Jahr waren es noch 30 Weingüter mit 40 Ersten Gewächsen und einer Menge von mehr als 27.000 Litern, im Jahr 2014 immerhin 32 Weingüter mit 37 Weinen und einer Menge von 32.000 Litern. Mit den Jahrgangsunterschieden allein lässt sich das nicht erklären.

Es sagt zudem viel aus über Marktbedeutung, über die Absatzzahlen bei den Weingütern, die ökonomische Bedeutung im Sortiment und die Relevanz in der Weinwelt. Das alles sagt aber noch nichts über die Qualität… also verbrenne ich mir hier mal wieder die Finger und den Mund: natürlich gab es wieder Licht und Schatten. Beginnen wir mit dem Licht. Das strahlte wieder einmal in der äußersten westlichen Ecke des Rheingaus am hellsten. Diesmal allerdings ist es Laquai, der mit einem großartigen, fein strukturierten und gut balancierten Lorcher Schlossberg den Vogel abschießt, 93P. Einen Wimpernschlag dahinter sehe ich den Bodental-Steinberg, 92P, von Mohr/ Familie Neher (die Lorcher Krone ist leider etwas zu süß geraten und wirkt dadurch weniger präzise) und den feinfruchtig-klaren, dabei ausnehmend mineralischen Pfaffenwies Riesling, 92P, von Altenkirch. Ziemlich gut sind zudem die beiden mineralisch-eleganten und strahlenden „Kläuserwege“ von Goldatzel und von Sohns ausgefallen, je 90P. Diese Lage mit ihrem Löß-Lehm-Boden kann was, auch wenn ihr Bekanntheitsgrad gegen Null tendiert. Und das Alterungspotential ist nach meinen Erfahrungen mit Weinen früherer Jahrgänge sehr beachtlich.

Ein leidiges Thema war wieder einmal der Zucker im Glas. Leider ist es vielen EG-Erzeugern nicht auszutreiben, Weine mit mehr als neun Gramm Zucker vorzustellen. Der einzige Betrieb, der das wenigstens einigermaßen gekonnt tat, war der Sieger der jüngsten Schoppen-Trophy, Trenz in Johannisberg, dessen Hasensprung und dessen Mittelhölle zwar beide nur knapp unter zehn Gramm RZ blieben, aber jeweils mit einer gut integrierten Säure von über acht Promille ausgestattet waren. Im Mund passte das sehr ordentlich. Ob man diese Stilistik einem Ersten-Gewächs zuordnen will, das lasse ich mal dahingestellt, aber die Weine zeigten sich mit viel Schmelz, Finesse, guter Säure, betörender Frucht und auch mit gutem Trinkfluss. Deutlich faszinierender fand ich allerdings die beiden Ausrufezeichen, die der Hattenheimer Stefan Gerhard gesetzt hat. Knochentrocken, präzise, scharf wie ein Samurai-Schwert. Vor allem der Wisselbrunnen gefiel mir gut, das Schützenhaus ist fast ganz durchgegoren und schon fast zu karg geraten. Positiv erwähnenswert sind darüber hinaus der straffe, dichte Siegelsberg von Crass und das Kirchenstück von Himmel, das einfach „charming“ ist. Für eine sehr positive Überraschung sorgte Schreiber aus Hochheim, ebenfalls mit einem Kirchenstück von pikanter Würze, zupackender Art, animierend, mit gutem Trinkfluss. Schließlich noch das altehrwürdige Schloss Schönborn, allerdings nur mit dem Nussbrunnen. Aber der hatte es mit seiner Substanz und Mineralität in sich und ist eine gute Werbung für die Güte der Hattenheimer Brunnenlagen.

Namentlich nicht erwähnen will ich jene Winzer, die Weine vorgestellt haben mit fast zehn Gramm Restzucker und weniger als sieben Promille Säure. Wie das geschmeckt hat, will ich nicht weiter ausbreiten. Allerdings richtet das den Blick auf die Jury. Da besteht offenbar durchaus die Gefahr, dass Weine auf höherem Niveau analog zur Landesweinprämierung geprüft werden und somit eher belanglose Mainstream-Weine durchrutschen, während Charakterweine mit Ecken und Kanten Gefahr laufen, durchzufallen. Diese Gefahr bestätigte sich für mich schon durch die zwischenzeitliche Verkostung eines der durchgefallenen EG-Kandidaten, der meines Erachtens zwei Drittel der akzeptierten und in Johannisberg gezeigten EGs glatt in die Tasche gesteckt hätte. Das kann nicht sein.

Bei den Rotweinen gab es nur einen einzigen (!!!) Wein: ein Langenstück von Ernst in Eltville. Auch das sah schon einmal ganz anders aus. Wenn der Bedarf nicht (mehr) da ist, sollte man die Kategorie gleich ganz streichen… oder wie will man das dem breiten Publikum erklären, dass der ganze Rheingau nur ein einiges rotes Erstes Gewächs hervorbringt, und das aus dem Eltviller Langestück… ?!? Ansonsten habe ich etliche Weingüter vermisst, angefangen von Schumann-Nägler über Koegler bis zu Schloss Reinhartshausen und noch etliche mehr… Auch darüber muss sich der Verband Gedanken machen in einer Zeit, in der das Erste Gewächs offenbar kein Selbstläufer (mehr) ist… Zwar gibt es interessante Gedankenspiele, welche Zukunft das Erste Gewächs einmal haben könnte… doch das muss allmählich auch mal konkrete Formen annehmen.