Ich vermisse Eltz !

Unter allen untergegangenen Weingütern fehlt dem Rheingau vor allem die Gräflich Eltz´sche Güterverwaltung Eltville am Rhein. Genau 40 Jahre nach dem letzten „echten“ Eltz-Jahrgang 1976 hat der Graf auf meine Initiative hin den Keller geöffnet und 17 Weine der Schatzkammer entnommen, die zeigen, warum Karl Männle (ein Badener, klar!) und Hermann Neuser über fast 5 Jahrzehnte zu den größten Önologen des Rheingaus zählten und wie Eltz zum angesehensten Weingut der Region wurde. Ein Weingut, das ich von allen untergegangenen Rheingauer Erzeugern (Schloss Groenesteyn, Fischer Erben, Richter Boltendahl u.v.a.) heute am meisten vermisse… und nicht nur ich…., aber zur Probe im Glascabinett des Weinguts Robert Weil, Kiedrich (denn der Eltzer Hof in Eltville steht vor der Sanierung)

Kabinettweine

1947 Eltviller Mönchshanach Riesling

1962 Eltviller Kalbspflicht Riesling

1979 Rauenthaler Rothenberg Riesling

Da muss doch jemand die Flasche verwechselt haben! Kann ein 1947er so frisch, so großartig, so elegant schmecken? Ganz frei von Sherrynoten oder negativer Oxydation? Er kann und zeigt, welch großartiger Weinfachmann Karl Männle war, der bis 1957 das Heft in der Hand hatte…, Apfel und ein wenig Quitte, knochige Eleganz, kein Wunder dass der Jahrgang auch „Knochenrappler“ hieß, übrigens auch ein begehrtes Gut im aufkommenden Schwarzmarkthandel, 1962 war dann schon der nicht minder geniale Hermann Neuser an der Reihe: pikante Säure, aber sehr klar, straff, grüner Apfel, langer Nachhall, nicht totzukriegen! Und dann 1979… da war es schon vorbei mit der Gräflich Eltz´schen Güterverwaltung! Der letzte der 3 „Abwicklungsjahrgänge“, gesteuert aus dem Weingut Langwerth von Simmern, daher auch nur ein „Gutsverwaltung Schloss Eltz“-Wein, aber typisch Neuser: gute, prägnante Säure, frisch, gute Länge, schöne Reife, jung

Spätlesen

1953 Kiedricher Sandgrub Riesling

1964 Rauenthaler Baiken Riesling

1975 Eltviller Sonnenberg Riesling

1953 und 1975 beides sehr klassische Spätlesen im Neuser-Stil, sehr klar, heute recht trocken wirkend, helles Gold in der Farbe, eine vornehme Firne und hohe Eleganz, Aromen von Rosinen und getrockneten Datteln, perfekte Schnitzelweine! 1964 dagegen sehr hochfarbig, geschmacklich recht trocken wirkend aus einem sehr heißen Jahr, das den Winzer großen Mengen bescherte. Vom Charakter in jedem Fall eher eine Auslese, sehr konzentriert, hohe Süße, markante Säure, nur leicht oxydiert, aber ein Wein mit weiterer Zukunft

Auslesen

1959 Rauenthal Gehrn Riesling

1969 Rauenthaler Baiken Riesling

1971 Rüdesheim Berg Roseneck Riesling

1959 ein echter Gigant, hochfein, elegant, leichte Würze, helles Gold in der Farbe, frisch, klar, überzeugend! 1969 wirkt auf den ersten Schluck fast so, als hätte sich der Wein schon in Ehren verabschiedet, doch das wird dem Baiken nicht gerecht. Sehr trocken für eine Auslese wirkend, dabei pikant in der Säure, Quitte und Schokolade, guter Nachhall, immer noch respektabel für einen keineswegs einfachen Jahrgang. 1971 dagegen ein Konzentrat von Dörrobst und Rosinen mit Karamell, hochfein, opulente, dem Jahrgang entsprechende Süße, dunkles Bernstein, eine Bombe von Wein, unzerstörbar, im Übrigen aus einem Weinberg, der Neuer gehörte und der einige Jahr an den Grafen verpachtet war…

Eisweine

1970 Eltviller Sonnenberg Eiswein Riesling Auslese

1972 Eltviller Sonnenberg Eiswein Riesling Auslese

1973 Eltviller Sonnenberg Eiswein Riesling BA

Ein bemerkenswerter Flight, den ich in dieser Güte und Klasse kaum erhofft habe. Dabei war Eltz kein spezialisierter Eiswein-Erzeuger, sondern nahm das in kalten Jahren mal so mit…. alle drei sehr gut und eine Bestätigung für die Rolle von Eltz als Spezialist für edelsüße Weine… Vor allem 1972 erweist sich als imposanter Wein aus einem nicht einfachen Jahrgang. 1973 BA Eiswein dann ganz groß, nussbraun, opulent in der Nase, reifer Apfel, klare Säure, kraftvoll, hohe Präsenz am Gaumen, in dieser Kategorie noch nichts Besseres getrunken, große Eleganz und Fülle, klassische Eiswein-Aromen, einfach großes Kino!

Beerenauslesen

1970 Eltviller Sonnenberg Riesling BA

1973 Eltviller Sonnenberg Riesling BA

1970 einfach nur Weltklasse, goldfarben, grandioses Aromenspiel, feine, würzige Süße mit perfektem Säurespiel, klasse. 1973 recht gut, allerdings mit unerwarteten leichten Eisweinaromen…. die avisierte 1976 Eltviller Sonnenberg Riesling BA ohne Originaletikett erwies sich als „Fehlgriff“ aus dem Keller, könnte eine 75er Spätlese sein, so wurde gemutmaßt… aber gut !

Trockenbeerenauslesen

1962 Eltviller Sonnenberg TBA (Riesling)

Ein Monument. Die Runde der Verkoster erhebt sich… keineswegs theatralisch, sondern respektvoll. Ein colafarbenes, fülliges, dickes Monument der Rheingauer Weingeschichte… und aller Ehren wert ! Die Flasche trägt zwar ausnahmsweise nicht die Rebsortenbezeichnung... aber eine Cuvée war auf dem Schloss auch nach einer Bestätigung des Grafen völlig "undenkbar"! . Die Güte der TBA zeigt auch, welches Potential der Eltviller Sonnenberg eigentlich hat. Leider erzeugt heute nur noch Koegler (der schon vor Jahren das VDP-Weingut Fischer Erben übernommen hat) gute 1. Gewächse (Weiß und Rot) aus diesem Weinberg, der auch Referenzweinberg des Weinbauamtes ist. Da kein VDP-Erzeuger am Sonnenberg Interesse hat, ist der Weinberg aber weder als Erste noch als Große Lage klassifiziert… eigentlich eine Schande. Und jetzt male ich mir mal aus, was passiert wäre, wenn das VDP-Weingut Graf Eltz nach Hermann Neuser einen weiteren genialen Weinmacher verpflichtet hätte, der sich in der Rheingauer Gruppe um den Rüdesheimer Bernhard Breuer zu Beginn der 1980er daran gemacht hätte, auch große trockene Weine zu erzeugen… gar nicht auszudenken !

Verkostungsnachtrag: 1976 Eltviller Sonnenberg Scheurebe Beerenauslese…. ja, es gab bei Eltz keineswegs nur Riesling… und zum 100. Geburtstag der Scheurebe lag es 2016 nahe, auch mal diese Wein zu öffnen. Insgesamt ein sehr guter edelsüßer Weißwein mit Würze und Fülle, bei dem die Botrytis und die Süße aber letztlich die Rebsortentypizität klar überdecken, viel Karamell, Rosinen, Pflaume, gute Säure, leichte Bitternis, die dem Wein aber recht gut steht und nicht nachteilig wirkt, gut!

und hier die Geschichte dazu:

Rebfläche bleibt bestehen, aber Weingüter kommen und gehen. Richter Boltendahl und Geheimrat Aschrott, Vowinkel und Schloss Groenesteyn, das sind nur einige illustre Namen aus ganzen Reihe untergegangener Rheingauer Weingüter. Die größte Lücke unter den Qualitätserzeugern hat allerdings Graf Eltz hinterlassen. „Das war einfach das beste Weingut im Rheingau“, sagt er erfahrene Rheingauer Weinkommissionär Joachim Ress. Und der Vorsitzende der Prädikatsweingüter (VDP), Wilhelm Weil spricht von einem „Leitweingut“ der Region, an dessen Qualität sich andere Vorzeigeweingüter wie die Staatliche Domäne oder Schlösser wie Johannisberg und Vollrads messen lassen mussten. „Wir waren neben dem Weingut Reichsgraf von Kesselstadt der am höchsten prämierte Erzeuger in Deutschland“, bestätigt das heutige Oberhaupt der Familie, Karl Graf zu Eltz.

Doch Ende Oktober vor 40 Jahren war die letzte Ernte eingebracht. Danach begann die Auflösung des Weinguts, die sich drei lange Jahre hinzog. Experten erkennen das heute noch am Etikett. Eltz-Weine der letzten drei Jahrgänge 1977 bis 1979 tragen nicht mehr den Schriftzug „Gräflich Eltz´sche Güterverwaltung“ sondern nur noch die Herkunft „Güterverwaltung Schloss Eltz“. Gesteuert wurde das Weingut in jener Phase vom benachbarten Weingut Langwerth von Simmern aus. Dort hatte nach mehr als 15 Jahren in der Verwaltung bei Eltz Günter Ringsdorf beruflich „Unterschlupf“ gefunden, ehe er später zum Staatsweingut Hessen wechselte und als „der letzte Abt von Eberbach“ das Kloster verwaltete.

„Wie ein Kübel Eiswasser über den Kopf“, traf Ringsdorf seinerzeit die Nachricht, dass 1976 der letzte Jahrgang sein werde und eine Tradition enden sollte, die eigentlich schon im 12. Jahrhundert begonnen hatte. Schon damals war unmittelbar neben dem Familienstammsitz, der Burg Eltz bei Wierschem, Wein angebaut worden sein. Die später in drei Stämme zerfallene Familie der Grafen zu Eltz besaß im Mittelalter nachweislich Weinberge an Rhein und Saar, Mosel und Ruwer, Nahe und Main. Zudem gründete die Familie im kroatischen Vukovar ein mehr als 100 Hektar großes Weingut, denn dort war zwischen 1733 und der Vertreibung zum Ende des Zweiten Weltkriegs der größte Besitz und zugleich der Lebensmittelpunkt der Familie.

Den Eltzer Hof am Eltviller Rheinufer hatte Kaspar Graf Eltz-Langenau um das Jahr 1630 erworben, denn Eltville war zu jener Zeit Sommersitz der Mainzer Kurfürsten und somit ein Ort für den Adel, um ebenfalls Präsenz zu zeigen. 1671 wurde das Weingut allerdings an die Kiedricher Adelsfamilie Ritter zu Groenesteyn veräußert und erst 1735 von Anselm Kasimir von Eltz-Kempenich zurückgekauft. Erst aus der Not heraus wurde Eltville nach Kriegsende 1945 zum Hauptsitz der Familie. Der Aufschwung des Eltzer Weinbaus ist mit einem bürgerlichen Namen verbunden: Karl Männle. Der Önologe aus dem badischen Durbach bescherte dem Weingut der Grafen einen Ruf wie Donnerhall. Seine Trockenbeerenauslesen aus Jahren wie 1937 sind bis heute legendär. „Das ist großer Stoff. Ein unvergessliches Erlebnis“, notierte die „Master of Wine“-Expertin Caro Maurer vor fünf Jahren nach einer ausgedehnten Probe alter Eltz-Weine.

Und Männles Nachfolger, Hermann Neuser, gilt nach Ansicht des Grafen Karl zu Eltz als einer der besten Önologen, den der Rheingau hervorgebracht hat. Ringsdorf schwärmt bis heute von dem zwar strengen, aber in höchstem Maße respektierten Gutsverwalter, der als begnadeter Weinmacher und Qualitätsfanatiker das Weingut mit seinen edelsüßen Weinen weltweit bekannt gemacht habe. „Eine wunderschöne Zeit“, erinnert sich Ringsdorf, weil das Team um Neuser „wie eine Familie“ auf dem Eltzer Hof gewohnt und gearbeitet habe. Graf Jakob zu Eltz selbst stand zwischen 1964 und 1976 dem Rheingauer Weinbauverband als Präsident vor.

Die Lage der Branche war seinerzeit trotz einiger herausragender Jahrgänge wie 1971 keineswegs rosig, auch nicht für renommierte Güter wie Eltz mit ihren hohen Qualitätsansprüchen und daraus folgend hohen Lohnkosten. Der Sohn des 2006 verstorbenen Grafen Jakob, Karl,  äußerte sich heute zurückhaltend über jene Zeit. In einem früheren Interview berichtete er, wie sein Vater ihn frühzeitig davon abgebracht habe, beruflich auf den Weinbau zu setzen, weil dieser überzeugt gewesen sei, dass „unser Weingut keine gesicherte Zukunft habe“, wie  Eltz einmal der Weinfachzeitschrift Fine sagte.

Zu dieser Skepsis trugen neben der mangelnden Rentabilität des Weinguts wohl auch die Pläne des Bundes bei, direkt vor dem Eltzer Hof am Rheinufer eine vierspurige Umgehungsstraße für den Rheingau zu bauen. Der Graf sah sich vor die Wahl „Haus oder Weinberge?“ gestellt, denn für die – 1989 schließlich eröffnete – Nordumgehung fehlte es an geeigneten Ausgleichsflächen, um die rebellierenden Winzer zufrieden zu stellen. Hinzu kam, dass ein Investment des Grafen außerhalb des Weinbaus und des Rheingaus gehörig schief ging.

Der Graf investierte mehr als zwei Millionen Mark in die 1967 gegründete Selbstbedienungs-Warenhausgruppe „Mehr Wert“ und engagierte sich dort mit seinem Renommee als Kommanditist und Mitglied im Verwaltungsrat. Das Verzeichnis der rund 100 Kommanditisten lese sich „wie ein Adels-Gotha“, schrieb meine Zeitung, die FAZ, seinerzeit. Das betrügerische System des Unternehmers Erich Wolf für renditehungrige Anleger brach 1976 mit lauten Knall zusammen, nachdem die gezielte Manipulation der Bilanzen des defizitären Unternehmens aufgeflogen war. Es war die bis dahin spektakulärste Pleite im deutschen Einzelhandel, und sie brachte auch den Graf in die Bredouille.

Mit der Auflösung des Weinguts und dem Verkauf der Weinberge verschaffte sich der Graf wieder ein wenig Luft, auch wenn er nach der Erinnerung seines Sohnes Karl „schwer daran getragen hat.“ Zudem waren die Eltviller Rheinfront und damit auch der Eltzer Hof als Familiensitz vor einem aberwitzigen Straßenbauprojekt gerettet. Dem Rheingau blieb die teilweise Zerstörung der Kulturlandschaft am Rhein erspart. Und alle Winzer, die Flächen für die Umgehungstraße im Norden hergeben mussten, konnten vom Land Hessen mit bestem gräflichem Weinbergsbesitz entschädigt werden. Der zunächst hartnäckige Widerstand gegen die Straße, von der Eltville und der vordere Rheingau bis heute profitieren, löste sich alsbald auf.

Damit hatten alle gewonnen - nur die Weinfreunde nicht, wie auf meine Initiative hin eine Verkostung aus dem noch immer ordentlich bestückten Weinarchiv der Familie dieser Tage bestätigte. Mit den edelsüßen Weinen aus den Jahren zwischen dem Zweiten Weltkrieg und 1976 kann sich qualitativ kein anderes Rheingauer Weingut messen. Schon der 1947 Eltviller Mönchhanach Riesling erwies sich als ungemein frischer, lebendiger, eleganter Wein. Weinfachmann Ress schwärmte besonders von einer 1959er Auslese, die „typischer und feiner nicht sein kann“, und die Riesling Trockenbeerenauslese des Jahres 1962 entlockte Ringsdorf das Lob eines „Monuments“. Für solche Weine müsse man sich respektvoll erheben und sie im Stehen verkosten.“ Gesagt, getan. Denn Eltz-Weine werden nicht mehr zahlreicher, sondern nur noch älter. (aus der F.A.Z. vom 29. Oktober 2016)