Raketen auf Weingüter

Der Krieg lässt den Weinbau nicht unberührt. Beim deutsch-israelischen Weingipfel in Mainz stehen aber die Gemeinsamkeiten der Winzer und die Verkostung ihrer Weine im Vordergrund.

Bibelfesten Weinfreunden ist der Name des ersten Winzers wohlbekannt: „Noah aber, der Ackermann, pflanzte als Erster einen Weinberg,“ heißt es im ersten Buch Mose. So präzise ist die Wissenschaft nicht. Sie vermutete die Wiege des Weinbaus vage im östlichen Mittelmeerraum und dem Nahen Osten. Als sicher gilt, dass auf dem Gebiet des heutigen Israel schon vor 10.000 Jahren Wein angebaut wurde.

Heute gilt Israel mit seiner Anbaufläche von rund 6000 Hektar – das ist nur rund das Doppelte des Rheingaus – und seinen weniger als 400 Erzeugern unter Weinkennern als spannender Exot. Denn die Qualität, gerade der vielen kleineren Boutique-Weingütern, ist respektabel. Israelische Winzer haben schon vor 20 Jahren begonnen, die Kontakte zu ihren deutschen Kollegen zu intensivieren. 2008 wurde die Initiative Twin Wineries gestartet: Winzer-Partnerschaften statt Städtepartnerschaften.

Knapp 30 deutsche und israelische Winzer haben auf diesem Weg bislang zueinandergefunden und pflegen den regelmäßigen Austausch. Aus dem Rheingau beteiligen sich unter anderem die Weingüter Georg Breuer mit der Galil Mountain Winery als Partnerin und die Staatsweingüter mit der Golan Heights Winery. Zu den Pionieren der Twin Wineries zählt zudem das Hattenheimer Weingut Kaufmann, das in der eigenen Vinothek ausgewählte die Tropfen seines langjährigen Partners Seahorse Winery anbietet. Weinguts-Chefin Eva Raps engagiert sich zudem als deutsche „Matchmakerin“, um passende Weingüter aus beiden Ländern zusammenzubringen.

Bei den „Twins“ geht es weniger um die weinbauliche Praxis, denn dazu sind Klima, Böden, Rebsorten und Absatzkanäle beider Länder zu unterschiedlich. Es geht, so Raps, vor allem um den Austausch, das gegenseitige Verständnis sowie um Motivation und neue Impulse.

Zum fünften Mal fand im Mainzer Schloss ein deutsch-israelischer Weingipfel der Twin-Wineries statt. Ein Gipfel in besonders schwieriger Zeit, denn vor allem die nördliche Anbauregion Israels ist durch den Krieg schwer in Mitleidenschaft gezogen. Insgesamt sollen nach Berichten aus Israel mehr als 100 Hektar Rebfläche durch Brände zerstört worden sein. Die Feuer waren durch Raketen- und Drohneneinschläge ausgelöst worden. Manche Weinberge konnten nicht gepflegt werden, weil sie als militärische Sperrzonen ausgewiesen wurden. Das Weingut Avivim nahe der libanesischen Grenze wurde durch Raketentreffer völlig zerstört, seine rund 300.000 Flaschen Wein im Keller vernichtet. Die Eigentümer wollen sich dennoch nicht entmutigen lassen und das Weingut wieder aufbauen. Andernorts, wo Arbeit im Weinberg möglich war, wurde sie von Helfern mit Helmen und schusssicheren Westen ausgeführt.

Von solchen Katastrophen blieben Anne und Moshe Celniker verschont. Ihr Weingut Yaffo, das seit einigen Jahren mit dem badischen Weingut Schätzle verpartnert ist, liegt im Ella-Tal des Anbaugebiets Judäa, das auch als „israelische Toskana“ gilt. Südlich von Jerusalem liegend ist es aktuell weit genug von der Frontlinie entfernt, um den Anbau so normal zu gestalten, wie es in einem Land im Kriegszustand möglich ist. Dass die Helfer ihre Arbeit öfter wegen Luftalarm unterbrechen müssen, gehört zum Alltag. Gravierender sind die Absatzsorgen angesichts eines im Krieg schwächelnden Inlandsmarktes, dem Niedergang des Weintourismus und der globalen Weinabsatzkrise. Nach Zahlen des Israel Wine & Grape Council fiel die Gesamternte in den von Krieg gezeichneten Jahren auf ein anhaltend niedriges Niveau von 44.000 Jahrestonnen. Es waren einmal rund 60.000 Tonnen. Dabei ist Yaffo auf die stabile Nische koscherer Weine spezialisiert, und die jährlich 80.000 Flaschen Rot- und Weißwein gehen ausschließlich an die jüdische „Community“, im eigenen Land und in Exportmärkte wie die Vereinigten Staaten, wo neuerdings 15 Prozent Einfuhrzoll fällig werden. „Es ist eine verrückte Welt“, sagt Moshe Celniker. Seine Frau, die aus einer Elsässer Winzerfamilie stammt, hatte er in Frankreich kennengelernt. Auch deshalb sollte das deutsche Zwillingsweingut möglichst nahe an der deutsch-französischen Grenze liegen.

Das Kaiserstühler Weingut Schätzle sei der „perfekte Match“, sagen die Celnikers. Sie haben zusammen sogar eine „weltweit einzigartige“ Cuvée aus Weinen beider Länder kombiniert, die von Schätzle unter dem Namen „Alliance“ vermarktet wird. Für Eva Raps ist das eine vorbildliche Partnerschaft. Denn die Twin Wineries wollen nicht nur durch gegenseitige Besuche und Weingipfel wie jetzt in Mainz den interkulturellen Dialog und den Praxis-Austausch fördern, sondern zur Steigerung der Bekanntheit deutscher Weine in Israel und israelischer Weine in Deutschland beitragen.

Das Weingut Kaufmann ist mit der Seahorse Winery des Winzers und ehemaligen Filmemachers Ze´ev Dunie verschwistert. Ein nur gut drei Hektar großes Boutique Weingut in den Jerusalemer Bergen, das unter anderem Chenin Blanc, Syrah und Zinfandel kultiviert. Zum Weingipfel war Dunies engster Mitarbeiter Adar Chelouche angereist, hinter dem gerade erst zwei Monate Reservistendienst in der Armee liegen. Der Vierunddreißigjährige berichtete von vielen Einschränkungen durch den Krieg. Wenn die Sirenen heulen, wird das Abfüllen der Flaschen unterbrochen und der Schutzraum aufgesucht. Wenn der für die Weinbergsarbeiter zu weit entfernt ist, legen sie sich bis zur Entwarnung flach auf den Boden. Besonders gravierend ist laut Chelouche das Fehlen seines erfahrenen Teams palästinensischer Helfer, die seit Kriegsbeginn nicht mehr einreisen dürfen. An inländischer Nachfrage nach den außergewöhnlichen Seahorse-Weinen mangele es aber nicht.

Allen Widrigkeiten zum Trotz blicken viele israelische Winzer mit einer Portion Optimismus in die Zukunft. Vor wenigen Wochen ist die Negev-Wüste als eigenständige, international geschützte geografische Weinregion anerkannt worden. Damit, so schrieb es die „Jerusalem Post“ mit patriotischem Stolz, steht die Wüste weinbaulich auf einer Stufe mit Erzeuger-Regionen wie der Champagne, Bordeaux, dem Napa Valley und dem Chianti. Das werde den israelischen Weinbau weiter stärken.

Vieles neu im Rheingau

Sterneküche, Sektgarten und neue Schänken: Es sind keine leichten Zeiten für die Gastronomie. Auch im Rheingau haben die Winzer und Wirte mit Bürokratie, hohen Kosten und Zurückhaltung beim Konsum zu kämpfen. Das einst legendäre „Graue Haus“ in Winkel hat inzwischen seine Pforten ebenso geschlossen wie das innovative „Y“ in Eltville und Wiesbaden. Gleichwohl gibt es Zeichen für neuen Optimismus im Rheingau, denn Traditionslokale wie der „Grüne Baum“ und das „Gronesteyn“ wurden neu eröffnet. Ganz unerwartet wurde der Rheingau zudem zum temporären Sitz eines Wiesbadener Sternelokals. Auf die Besucher des Musik Festivals warten reizvolle Neuentdeckungen.

Ente landet im Rheingau

Die auf rund drei Jahre veranschlagte Sanierung des Luxushotels Nassauer Hof in Wiesbaden machte es möglich: Auf der Suche nach einem Übergangs-„Nest“ hat sich Michael Kammermeiers Sternelokal „Ente“ im Pfortenhaus von Kloster Eberbach bei Eltville eingenistet. Dort werden die Feinschmecker mit Küchenkunst auf höchstem Niveau bewirtet. Die Weinkarte ist phänomenal, der Service hochgradig aufmerksam und zuvorkommend. Auch wenn die mittelalterliche Klosteranlage als Standort außergewöhnlich reizvoll ist, so stellt sich dennoch die Frage: Werden die großstädtischen Feinschmecker der „Ente“ aufs Land folgen? Wer kommt, der findet die vielfach ausgezeichnete Küche in einem Ambiente, das Genuss, Geschichte und Atmosphäre einzigartig bündelt.

„Ente“ im Kloster Eberbach, Kloster-Eberbacher-Straße in Eltville, www.kloster-eberbach.de, https://www.hommage-hotels.com/nassauer-hof-wiesbaden/kulinarik/restaurant-ente

Gronesteyn wachgeküsst

Sterneverdächtig ist bekanntermaßen auch die Küche von Dirk Schroer, der im vergangenen Jahr mit seiner Frau Amila das „Groenesteyn“ in Kiedrich verlassen hat, um im „Baiken“, der schön gelegenen Gutsschänke der Hessischen Staatsweingüter in Rauenthal, ein neues kulinarisches Kapitel aufzuschlagen. Am Weinstand im Innenhof des Baiken werden an den Wochenenden auch Wanderer und Ausflügler bewirtet. Zum Glück für die regelmäßigen Besucher des gotischen Weindorfs Kiedrich ist die Vakanz im „Groenesteyn“ nach dem Umzug von Schroer wieder beendet. Die junge Winzerin Julia Schönberger hat in diesem Frühjahr das Restaurant und Veranstaltungshaus „JuLe im Groenesteyn“ eröffnet. Das „Groenesteyn“ ist nun eine Gutsschänke im besten Sinne mit feinen Rieslingen – unter anderem – aus den Renommierlagen Klosterberg und Gräfenberg. Aufgetischt wird, was regionale Lieferanten an saisonalen Erzeugnissen dem Küchenteam zuliefern, darunter feine Schnitzel sowie leckeres Rind und Geflügel.

„Jule im Groenesteyn“, Oberstraße 36 in Kiedrich, www.jule-groenesteyn.de

Pop-up in der Burg

In der stattlichen Burg Crass am Eltviller Rheinufer ist wieder Gastlichkeit Trumpf. Die Sektmanufaktur Schloss Vaux ist inzwischen alleinige Eigentümerin, und der bisherige Pächter hat den Freyhof zum Jahresende verlassen. Damit wurde der Weg für die Sektmanufaktur frei, an einem außergewöhnlichen Standort im Rheingau ihren Hauptsitz zu nehmen und dort dem Sektgenuss eine Bühne zu geben. Einen Vorgeschmack auf alles, was 2027 kommen wird, gibt seit Anfang Mai das Pop-up-Projekt „Sektgarten“. An den Wochenenden bis – zunächst – Ende August sollte sich der Rheingau-Besucher bei gutem Wetter dieses Erlebnis nicht entgehen lassen. Mit einem Glas Sekt in der Hand den Schiffen auf dem Rhein und den Ausflüglern auf dem Leinpfad zuzuschauen, das ist Entspannung pur. Patron und Spitzensommelier Florian Richter bietet ergänzend zum Vaux-Sekt spannende Weine aus dem Keller seines kleinen Weinhandelshauses.

Burg Crass am Rhein, Freygässchen 1 in Eltville, www.schloss-vaux.de

Klosterschänke in Eigenregie

Nach dem Auszug des Caterers Consortium hat die Stiftung Kloster Eberbach die Bewirtschaftung der Klosterschänke in eigener Regie übernommen und die Wiesbadener Gastronomin Rosa Roccaro als erfahrene Patronin gewonnen. Im Frühjahr wurde die Küche noch mit dem in der Region wohlbekannten Küchenchef Miguel Sattler verstärkt. Sattler blickt auf Erfahrungen als Küchenchef auf Burg Crass, im „Baiken“ sowie in der Eltviller „Weinpump“ zurück. Auf der Speisekarte im Kloster stehen „Klosterbrote“ für den kleinen Hunger zwischendurch ebenso wie die Rinderroulade „Domus“, die Frikadellen „Familia“ und ein Rinderfilet „Cor magis“. Empfehlenswert sind die selbstgemachten Pasta wie die Casarecce „Silva“ und die Tagliatelle Tartufo „Meditatio“. Ein „Steinberger“ oder „Neroberger“ Riesling sollte dazu nicht fehlen.

Klosterschänke im Kloster Eberbach in Eltville, www.kloster-eberbach.de

Neuer Patron bei Diefenhardt

Die Gutsschänke des Weinguts Diefenhardt gehört zu den beliebtesten ihrer Art im Rheingau. Mit Mathias Kretschmer hat im Februar ein neuer Pächter übernommen, der über langjährige Erfahrungen in der Region verfügt, unter anderem bei Käfers in Wiesbaden und im Hofgut Georgenthal. Am Konzept einer regionalen Küche mit saisonalen Zutaten wird nicht gerüttelt. Und Klassiker wie das Schnitzel „Rosemarie“ haben erfreulicherweise ihren Platz auf der Karte behalten. Unser korrespondierender Lieblingswein ist der trockene Riesling aus dem Rauenthaler Rothenberg. Das Weingut selbst samt Vinothek ist nun endgültig in die neu gebaute Kellerei in den Frauensteiner Weg am Martinsthaler Ortseingang gezogen. Dort wird es nun unregelmäßig eine Straußwirtschaft geben, deren Besuch man nicht verpassen sollte.

Weingut Diefenhardt, Hauptstraße 9 (Schänke) und Frauensteiner Weg 1 (Vinothek) in Eltville-Martinsthal, www.diefenhardt.com

Riesling mit Ausblick

Wenn wir schon bei Diefenhardt in Martinsthal sind: Wer sich die neue Kellerei anschaut, der sollte den Aufstieg zum Weinberghäuschen nicht scheuen. Kein anderes Weingut hat solch ein Kleinod mit einem derart fantastischen Ausblick. Dem ehemaligen Eigentümer des Weinguts, Baron von Reichenau, diente der Bau als stimmungsvolle Jagdhütte zwischen Wald und Weinberg. Heute ist es ein Ort für Geselligkeit. Wenn an den Wochenenden das Wetter gut genug ist, um dort eine Auswahl der Diefenhardt-Kollektion auszuschenken, dann wird die weithin sichtbare Fahne gehisst, damit niemand den steilen Weg vergebens in Angriff nimmt. Wer am Ziel ist, hat die Mühe schnell vergessen. Das Weinberghäuschen ist jeden Schweißtropfen wert.

Weinberghäuschen Diefenhardt, Zugweg über den Frauensteiner Weg in Martinsthal, www.diefenhardt.com/weinbergshaus

Chef Daniel wird sesshaft

Der Erfinder der Winzerpizza „Winzza“, Daniel Horne, ist als langjähriger  „flying“ Koch jetzt wieder sesshaft geworden. Zur diesjährigen Schlemmerwoche hat der in Lorch verwurzelte Küchenchef die Gutsschänke „Weinwirtschaft 1716“ des bekannten Lorcher Weinguts Laquai unter seine Fittiche genommen. Egal ob im alten Fachwerkhaus oder im lauschigen Garten: hier gibt es feinen Wein aus steilen Schieferlagen und schmackhafte regionale Küche. Für Lorch und darüber hinaus ein kulinarischer Gewinn. Das Fleisch für die Wildgerichte liefert die von den lokalen Jägern belieferte Metzgerei Kempenich in Presberg, die Forellen gibt es fangfrisch von der Forellenzucht Flach im nahen Wispertal. Zwischen Hirsch-Burger mit Bärlauch und gebratener Wisperlachsforelle mit Spargelgemüse fällt die Wahl schwer. Dazu empfiehlt sich aber ganz eindeutig der Riesling vom Schiefer oder der Schlossberg.

Weinwirtschaft 1716, Schwalbacher Straße 20 in Lorch, www.chefdaniel.de

Der „Grüne Baum“ lebt weiter

Das prachtvolle, denkmalgeschützte Fachwerkhaus in Oestrich ist jahrelang mit großem Aufwand saniert worden. Aber würde der „Grüne Baum“ jemals wieder als Gasthaus öffnen? Schließlich reichte die gastronomische Vergangenheit bis ins 17. Jahrhundert zurück, womit der „Grüne Baum“ eines der traditionsreichsten Gasthäuser der Region ist. Diese bange Frage vieler Rheingauer ist in diesem Jahr zur Erleichterung der Region überzeugend beantwortet worden. Die Winzerfamilie Abel, deren Weine im Rheingau einen außerordentlich guten Ruf genießen, hat den eigenen Anspruch so formuliert: „ein Ort des Genusses, an dem Tradition, Innovation und Herzlichkeit aufeinandertreffen“. Neben einer Auswahl der Abel-Weine und hausgemachtem Kuchen gibt es tagsüber von Donnerstag bis Montag kleine Speisen wie Garnelen in Öl und ein wechselndes Tagesgericht.

Café und Bistro „Grüner Baum“, Rheingaustraße 45 in Oestrich, www.weingut-abel.de

Langer kocht im Kronenschlösschen

Das traditionsreiche Luxushotel Kronenschlösschen hat im Spätsommer vergangenen Jahres mit Marcus Langer einen neuen Küchenchef verpflichtet und seinem Gourmet-Lokal damit neue kulinarische Impulse gegeben. Zu Langers Stationen vor dem Wechsel in den Rheingau gehörten unter anderem „Becker’s“ in Trier und das Schlosshotel Lerbach. In Radebeul leitete er das Team des Sterne-Lokals „Atelier Sanssouci“. Langer, der im Februar anlässlich des Rheingau Gourmet und Wein Festivals Sterneköche aus der ganzen Welt in seiner Küche willkommen hieß, setzt selbst auf eine moderne, aromenreiche Interpretation der klassischen französischen Küche. Das sollte sich der Feinschmecker nicht entgehen lassen.

Kronenschlösschen, Rheinallee 1 in Eltville-Hattenheim, www.kronenschloesschen.de

Koffeinstoß in der Mauergasse

Das „Pearls“ ist leider Geschichte. Dieses kleine Sektbistro in der Wiesbadener Mauergasse, das sich mit den benachbarten Weinbistros der Weingüter Ress und Laquai perfekt ergänzte, hat nicht die Erwartungen von Henkell-Freixenet erfüllt. Hoffentlich ist in dieser lebendigen Gasse der neuen Kaffeebar der „Maldaner Coffee Roasters“ mehr Erfolg beschieden. Diese Bar will „kein normales Café“ sein, sondern ein außergewöhnliches Kaffeeerlebnis bieten. Alle Kaffeesorten werden in kleinen Chargen geröstet, und jede Bohne trägt den Namen des Erzeugers. Ein Schnuppertisch lädt ein, sich den Aromen olfaktorisch zu nähern. Für leidenschaftliche Koffein-Junkies in der Landeshauptstadt ein Dorado, dazu gibt es wunderbare Käseküchlein.

Maldaner Coffee Roasters, Mauergasse in Wiesbaden, www.maldanercoffee.com

(zusammengestellt für die Musik Festival Beilage der FAZ)

So schmeckt der Mittelrhein

Nüchterner und steriler geht es kaum. Ein schmaler, gut ausgeleuchteter und zum Nachbarn mit Trennwänden abgeschirmter Arbeitsplatz wartete auf mich. Darauf fünf Gläser, ein Tablett-Computer und ein Spuckbecken. Das genügt. Keine Weinromantik, keine Ablenkung, volle Konzentration auf den Wein.

Professor Rainer Jung vom Institut für Önologie lehrt in diesem Sensorik-Raum der Hochschule Geisenheim normalerweise die Weinbaustudenten, wie sie Weine professionell verkosten, erkennen und bewerten. Einmal im Jahr ist Jung Gastgeber für ein Dutzend Juroren aus Politik, Mittrheintal-Management, Weinbauberatung und Fachjournalisten. Ein Kreis, in den ich vor einigen Jahren berufen wurde.

In dieser Verkostung soll ein Wein aus dem Mittelrheintal zum „Welterbe-Wein 2026“ gekürt werden. Anlass für die akribisch vorbereitete Blindprobe, die der Verein Mittelrhein-Wein und der Zweckverband Welterbe Oberes Mittelrheintal gemeinsam organisieren, ist die Buga 2029. Die Großveranstaltung soll in drei Jahren 1,5 Millionen Besucher in das Tal zwischen Rüdesheim/Bingen und Koblenz locken. Jede Flasche Wein gilt dabei als flüssiger Botschafter einer Region, die sich von der Bundesgartenschau spürbare und nachhaltige Impulse für ihre weitere Entwicklung erhofft. Das gilt für den Tourismus insgesamt, besonders aber für den Weinbau, denn auch die Winzer am Mittelrhein leiden unter der weltweiten Absatzkrise.

Im Krisenmodus ist das Mittelrheintal aber nicht erst seit kurzem. Vor rund 50 Jahren lag die Rebfläche noch deutlich über 1000 Hektar. Heute sind es weniger als 500.

Weinbau im steilen Rheintal ist ein schwieriges Geschäft. Da zählt beim Verkauf jede Flasche. Dabei trug die anmutige Weinlandschaft mit ihren arbeitsintensiven Steilhängen neben den vielen Burgen, dem Rhein und teils pittoresken Dörfern entscheidend mit dazu bei, dass das 67 Kilometer lange Tal 2002 zum UNESCO-Welterbe erhoben wurde.

Der Welterbe-Wein soll helfen, das Renommee das Tal als einem der kleinsten deutschen Anbaugebiete zu wahren. Gesucht wurde diesmal ein trockener Riesling, laut Ausschreibung „mit typischem Säureniveau, der die schroffe Landschaft von Felsen und Gesteinsformationen zum Ausdruck bringt“. Wie aber schmeckt „schroff“ auf der Zunge? Die Jury tat sich mit diesem Attribut nicht immer leicht. Schon eher mit dem Wunsch, dass sich der Siegerwein durch „Mineralität und ein ausgeprägtes Aromaprofil“ auszeichnen sollte. Bewertet wurden ohne Kenntnis des Erzeugers mit jeweils bis zu fünf Punkten der Geruch, der Geschmack und die „Harmonie“ des Weines.

Insgesamt hatten sich knapp 30 Weingüter aus den Anbaugebieten Mittelrhein, Nahe, Rheinhessen und Rheingau, die Weinberge in der Welterberegion bewirtschaften, beteiligt. Die Resonanz bei den Winzern und bei den Kunden auf den Wettbewerb um den Welterbewein sei gut, sagt der verantwortliche Organisator des Zweckverbands, Nico Melchior. Zumal der Siegerwein mit einem Künstleretikett ausgestattet wird, für das diesmal die Designerin Mareike Knevels gewonnen wurde. Der Künstlerin ist als ehemaliger Burgenbloggerin auf Burg Sooneck die Region zudem sehr vertraut. Am Ende einer Haupt- und Finalrunde war sich die Jury einig, wer den Geschmack des Mittelrheintals diesmal am besten in die Flasche gefüllt hatte: Das Weingut Eisenbach-Korn in Oberheimbach mit einem 2025er Gutsriesling. Der, so das einhellige Fazit – es war auch mein Favorit – , bringt die Mineralität der Steilhänge auf die Zunge. Und das Ganze für einen lächerlichen Preis…. (angelehnt an meinen Text in der FAZ vom 29.5.2026) 

Die besten Rosé Deutschlands

7. FAZ Online Probe – diesmal Rosé

Nach Riesling, Großen Gewächsen, Weißen Burgundern, Sekt und großen Rotweinen ging es bei der von mir in Kooperation mit Ursprung Wein von Max Brunk organisierten FAZ-Online-Probe diesmal um Rosé. Zugegeben, das habe ich zunächst zu vermeiden versucht, weil ich jene eher halbtrockenen, jahrgangsfrischen, belanglosen, himbeersaftigen Wein- und Terrassenweine eher meide. Doch es gibt sie auch in Deutschland, die komplexen, tiefgründigen, lagerfähigen, gereiften und knochentrockenen Rosé.

Beispielsweise 2023 Spätburgunder Réserve von Aldinger und 2022 Fumé von Knipser (der Vorlauf der Cuvée X!) Weine, die locker 5 bis 10 Jahre lagern können, gute Essensbegleiter sind und selbst zur Weihnachtsgans eine gute Figur machen.

Die positiven Kommentare während der Probe und im Chat waren jedenfalls eindeutig. Trotz des kleinen „Stinkers“ in Nase wurde der Aldinger stark gelobt. Aber auch der Knipser und nicht zuletzt der „Wunderschön“ aus Deutschlands größtem Rosé-Weingut St. Antony in Nierstein. Dort sind mittlerweile mehr als ein halbes Dutzend Rosé im Angebot, auch solche für 125 Euro die Flasche! Der „Wunderschöne“ 2024 schlägt eine perfekte Brücke zwischen Terrassenwein und Essensbegleiter und fand viele Befürworter, auch wegen der perfekten Farbe.

Superb auch der Schloss Vaux l´Artiste 2020 Rosé Brut, der tatsächlich weniger als 3g Restzucker aufweist und dank seiner betörenden Frucht dennoch „brutal harmonisch“ daherkommt. Unter dem Strich eine fulminante Probe mit großartiger Resonanz vieler „Wiederholungstäter“… more to come !

Zäsur beim VDP Rheingau

Ende einer Ära und Wechsel in der Führung der Rheingauer Prädikatsweingüter (VDP): Der Kiedricher Winzer Wilhelm Weil hat nach 27 Jahren an der Spitze des mitgliederstärksten deutschen Regionalverbandes auf eine abermalige Kandidatur verzichtet. Zu seinem Nachfolger hat die Mitgliederversammlung einstimmig Mark Barth vom Hattenheimer Wein- und Sektgut Barth gewählt.

Weil bleibt jedoch Vizepräsident des VDP-Bundesverbandes. Ein Amt, in das er 2007 erstmals gewählt worden war. Für sein langjähriges Engagement wurde Weil zum Ehrenvorsitzenden des VDP-Rheingau ernannt. Die Mitglieder zeichneten ihn zudem mit der neu geschaffenen Auszeichnung „Charta-Bogen“ in Gold aus. Damit sollen künftig Winzer des VDP für ein besonderes Engagement im Verband und für authentischen Spitzenwein geehrt werden.

In die Amtszeit von Weil fallen bedeutsame weinbaupolitische Entscheidungen. Sein Amtsantritt im März 1999 war verbunden mit der Fusion des Rheingauer VDP mit der Vereinigung der Charta-Weingüter. Weil setzte sich vor allem für eine durchdachte und stringente Klassifizierung der besten Rheingauer und deutschen Weinberge im Sinne einer konsequenten Qualitätsphilosophie ein und ebenso für die klarere Profilierung der von den VDP-Winzern erzeugten Weine.

Weil initiierte 2010 die Premiere des Internationalen Riesling Symposiums, engagierte sich für die Weiterentwicklung der Riesling Gala im Kloster Eberbach, für die Präsentation der „Großen Gewächse“ im Kurhaus Wiesbaden und für die zeitgemäße Weiterentwicklung der jährlichen Weinversteigerung im Kloster Eberbach.

Mit Weil zog sich der ebenfalls mit dem Charta-Bogen geehrte und langjährige VDP-Geschäftsführer Matthias Ganswohl zurück, der Geschäfte des VDP 13 Jahre lang geführt hatte. Neuer Geschäftsführer ist Dieter Salomon, der lange Jahre für Schloss Johannisberg gearbeitet hatte.

Barth kündigt an, den Rheingau als „Referenzregion für herausragende Cool-Climate-Weine“ positionieren zu wollen. Er setze auf neue Zielgruppen, starke Kooperationen mit Gastronomie und Kultur sowie eine „emotionalere Ansprache“ rund um Genuss und Lebensfreude. Stellvertreter von Barth sind – neu – die Mitinhaberin des Weinguts Diefenhardt in Martinsthal, Julia Seyffardt, und weiterhin Johannes Eser vom „Johannishof“ in Geisenheim-Johannisberg.  

Große Weine sterben nie!

Kann ein großer Riesling je zu alt sein? Jedenfalls nicht, wenn es nach Weinkritiker Stuart Pigott geht. Vor knapp 200 Winzern, Weinexperten und Weinjournalisten zelebrierte Pigott eine von vier großen Proben des Internationalen Riesling-Symposiums, das Mitte Mai von den Prädikatsweingütern (VDP) im Kloster Eberbach organisiert wurde. Es war seit 2010 das fünfte Mal, dass der Weinkongress um die führende deutsche Rebsorte im Rheingau organisiert wurde. In den Zwischenjahren hatte es in der Vergangenheit vergleichbare Symposien in Australien und den Vereinigten Staaten gegeben, die aber nach Corona keine Neuauflage mehr erfahren haben.

Warum sollte der Weinfreund reife Wein trinken, wenn doch jedes Frühjahr ein neuer Jahrgang in die Flasche gefüllt wird? Jedenfalls nicht, wenn der reife Wein fast genauso schmeckt wie ein junger. Der „alte Kram“ müsse etwas anderes bieten, so Pigott, der vorzugsweise knapp zehn Jahre alte Rieslinge trinkt. Dann sind die besonders fruchtigen Primäraromen verflogen, doch sind unschöne Altersnoten noch weit entfernt. Die hat er selbst in einem 1915er Markobrunner nicht gefunden: dem ältesten trocken Wein, den er bislang verkostet hat.

Pigott erwartet, dass absehbar mehr reife Weine angeboten werden als gegenwärtig. Denn eine Folge der akuten „Weltweinkrise“ sei ein gebremster Abverkauf der jungen Weine und eine deshalb „langsamere Bewegung“ im Weinmarkt. Daher gewinne das Segment gereifter Weine an Bedeutung. Pigott verglich die Reifung von Weinen mit einem Ball, der einen Hang hinunterrollt. Je flacher der Hang und je langsamer das Tempo des Balls, desto höher die Chance auf einen Reifeprozess, der das Geschmacksbild fördert. Die besten Voraussetzungen hätten Weine, die schon in der Jugend von innerer Harmonie geprägt seien, so Pigott.

„Frontal anpacken“ wollte Pigott mit der Probe die März, dass mit Schraubverschluss versehene Weine kaum oder gar nicht altern. Das sei Unsinn, sagte Pigott mit Blick auf die seit dem Jahr 2000 beobachtete Entwicklung in der Weinbranche, auch hochwertige Weine nicht länger mit Korken zu verschließen.

Eröffnet hatte das Symposium der Vorstandschef des Weinhandelsunternehmens Hawesko, Thorsten Hermelink. Deutschland und seine Winzer träten mit ihrem Riesling „viel zu bescheiden“ auf, lautete seine Einschätzung. Es gebe zu Unrecht keinen Stolz auf diese Rebsorte, obwohl sie anderen Weißweinen auf der Welt in nichts nachstehe. Die deutsche Bescheidenheit sei nicht angebracht. Der deutsche Wein habe am gesamten Hawesko-Sortiment inzwischen einen Anteil von rund 20 Prozent. Hermelink forderte die Winzer auf, mehr Selbstbewusstsein zu zeigen, zumal schon aus demographischen Gründen der Weinmarkt absehbar nicht expandieren werde.

Mehr Selbstbewusstsein könnten die deutschen Winzer aus der Vergangenheit und den Erfolgen im 19. Jahrhundert ziehen. Weinhistoriker Daniel Deckers erinnerte in einem Exkurs an jene Zeiten, als Riesling besser und teurer war als die besten französischen Tropfen und britische Journalisten unter anderem Schloss Johannisberg und seinem Jahrgang 1862 bescheinigten, dass nur Riesling solche Weltklasseweine hervorbringen könne.

Damals seien nur die besten – und teuersten – deutschen Weine nach England exportiert worden. Dennoch sei das Leben der Winzer hart gewesen, weil Rebkrankheiten grassierten und längst nicht jeder Jahrgang ausreifte. Mit dem Ersten Weltkrieg begannen für die deutschen Winzer laut Deckers „bittere Zeiten“, von denen sie sich bis zum Zweiten Weltkrieg kaum erholt hatten. Danach begann das Elend der 1970 und 1980er Jahre, als Über- und Massenproduktion in belanglos-süße Weine mündete.

Es war die Zeit, als das Mostgewicht alleiniger Maßstab für vermeintlich objektiv messbare Qualität war. Heute geht es den Winzern um Herkunft. Dabei dürfe aber der Spaß am Wein nicht aus dem Blick geraten, so Rheinhessen-Winzer Dirk Würtz. Schließlich wolle er über Wein keine Doktorarbeit schreiben. Und ein Spitzenwein müsse immer schmecken, „egal, wie alt er ist.“

Keine Rolle spielten im Kloster alkoholfreie Varianten, auch wenn dies in einem schrumpfenden Markt noch Wachstumschancen verspricht. Weinkritiker Pigott ließ es an Klarheit gegenüber alkoholfreien Weinen nicht fehlen: Was ist daran schonend, was nachhaltig? Nichts!“ (aus meinem Bericht für die FAZ vom 13. Mai).

Diefenhardt baut neue Kellerei

Überproduktion, Absatzkrise, Gesundheitswelle: Wer investiert da noch in eine neue Weinkellerei? Im Rheingau gibt Peter Seyffardt mit einer Millioneninvestition ein Beispiel. Die gegenwärtige Krise des Weinbaus ist keine temporäre Delle im Absatz, sondern Auftakt eines beschleunigten strukturellen Wandels. Selbst traditionsreiche Weingüter geben auf oder stehen zum Verkauf. Doch es gibt Anzeichen für neuen Optimismus und Signale des Aufbruchs. Die manifestieren sich in millionenschweren Investitionen. In Eltville-Martinsthal hat das Weingut Diefenhardt am östlichen Ortsrand eine neue Kellerei errichtet. Das hat schon deshalb eine Signalwirkung gegen die depressive Stimmung unter vielen Winzern, weil der Bauherr der Weinbaupräsident persönlich ist.

Peter Seyffardt glaubt an die Zukunft der Branche und seines Betriebs. Seine Tochter Julia ist schon vor zehn Jahren in das Unternehmen eingestiegen. Spätestens in zwei bis drei Jahren werde er sich ganz zurückziehen und das Weingut vollständig an die fünfte Generation übergeben, so Seyffardt bei einer Eröffnungsfeier im Weingut.

Eigentlich wollte Seyffardt auf dem Hangrundstück im Frauensteiner Weg nur eine Station zur Traubenannahme bauen, um die schwierigen und beengten Verhältnisse des Weinguts in der alten Hauptstraße des Weindorfs Martinsthal zu verbessern. Dort lebt die Familie, dort ist auch die beliebte Gutsschänke des Weinguts, doch die Weingutlogistik ist schwierig.

Die resolute und weitsichtige Tochter ermutigte Seyffart aber zu kühneren Investitionen. Der Weinbaupräsident ließ sich überzeugen, dass eine neue Kellerei an einem neuen Standort die beste Entscheidung für die langfristige Zukunft des Weinguts ist. Entstanden ist ein funktionaler, aber optisch ansprechender Neubau, dessen wichtigstes Ziel es ist, die Arbeitsabläufe zu erleichtern. Dass das gelungen ist, zeigte sich schon bei der ersten Ernte im noch halbfertigen. Das Weingut ist bei Traubenannahme und -verarbeitung schneller und schlagkräftiger geworden. Das ist vor allem dann wichtig, wenn fortschreitende Fäulnis in den Weinbergen eine zügige Ernte erfordert. Auf eine mehrstöckige Kellerei, die bei der Traubenverarbeitung die Schwerkraft statt Pumpen setzt, hat Seyffardt bewusst verzichtet. Es gebe für eine schonende Arbeitsweise auch andere technische Optionen.

Weil die Produktpräsentation, das Marketing und die Kundenbindung für den Erfolg eines Weinguts mindestens so bedeutsam sind wie die Güte der Weine, wurden in die neue Kellerei neben einer großzügigen Vinothek für Privatkunden auch Veranstaltungsräume integriert. Sie wurden für die Gastlichkeit während der Rheingauer Schlemmerwoche genutzt. Vinothek und Gasträume sollen zu Orten „der Begegnung, des Genusses und der gelegten Weinkultur“ werden, so die Hoffnung der Familie Seyffardt.

Die Fertigstellung der Vinothek – andere Teile des Neubaus waren schon vor zwei Jahren nutzbar – war für Peter Seyffardt Anlass, eine aufreibende Bauphase Revue passieren zu lassen. Über das Ringen mit der Bau-Bürokratie kann Seyffardt viele Anekdoten erzählen, die nur im Nachgang eine humorvolle Note haben. Glück hatte das Weingut, dass es seine Investitionsentscheidung noch in der Phase besonders niedriger Zinsen getroffen hat und dass es benachbarte Grundstücke des Kellereigebäudes erwerben konnte. Dankbar ist Seyffardt, dass das Land die Investition in einen zukunftsfähigen Weinbetrieb mit nennenswerten Subventionen gefördert hat. Das habe einiges erleichtert, gibt Seyffardt zu. Welche Auflagen mit einem derartigen Bau verbunden sind, lässt sich an der Zisterne mit einem Fassungsvermögen von 240.000 Litern ablesen. Er habe der Martinsthaler Feuerwehr angeboten, bei Bedarf darauf zurückgreifen zu können, scherzte Seyffardt bei der Eröffnung. Nun sollen  viele Privatkunden den Weg nach Martinsthal finden. In der Vinothek wollen Julia und Peter Seyffardt einen in Deutschland eher ungewöhnlichen Weg gehen. Um die Hemmschwelle vor dem Besuch der Vinothek wegen eines vermeintliches „Kaufzwangs“ niedrig zu halten, sollen Weinproben gegen Gebühr die Regel sein. Wen die Qualität des VDP-Weinguts dann überzeugt und zum Kauf animiert, für den war die Verkostung gratis. (mein Bericht für die FAZ vom 2. Mai 2026)

Prosecco rettet Henkell

Der vor knapp 20 Jahren getätigte Kauf der italienischen Prosecco-Marke Mionetto ist eine der erfolgreichsten Akquisitionen des in Wiesbaden beheimateten globalen Marktführer für Schaumwein. Denn Mionetto legt auch dann noch dazu, wenn andere Marken schwächeln. In 27 Ländern ist Mionetto inzwischen Marktführer auf dem stabilen Wachstumsfeld Prosecco. Im vergangenen Geschäftsjahr verdankte Henkell-Freixenet allein dem Absatzplus bei Mionetto von rund drei Prozent, dass der Wachstumspfad nicht verlassen wurde.

Die Sekt-, Wein- und Spirituosensparte der Oetker Collection verzeichnete nur dank Prosecco ein leichtes Umsatzplus von 0,5 Prozent auf 1,25 Milliarden Euro. Belastet haben das Ergebnis nicht nur der global rückläufige Schaumwein- und Weinmarkt, sondern auch Währungseffekte. Ohne deren Berücksichtigung würde es für ein Umsatzplus von 1,5 Prozent reichen.

Vorstandschef Andreas Brokemper sprach bei der Bilanzvorstellung von einem „herausfordernden Marktumfeld und teils rückläufigen Teilmärkten”. Für den globalen Schaumwein-Gesamtmarkt erwartet Brokemper in der Bilanz für 2025 nach Jahren des steten Wachstums auf zuletzt 35 Milliarden Euro (2024) ein Minus von zwei bis drei Prozent. Das 2018 nach der Teilübernahme von Freixenet ausgegebene Ziel, dass jede zehnte getrunkene Flasche Schaumwein aus dem Hause Henkell-Freixenet kommen soll, sei noch nicht erreicht, gibt Brokemper zu und nennt einen globalen Marktanteil von rund neun Prozent.

Die gefühlte Dauerkrise in der Welt sei für den Absatz eines Genussproduktes aber nicht günstig, so Brokemper. Die Hoffnung auf ein ruhigeres Jahr habe sich frühzeitig zerschlagen. Beim Absatz spürt Henkell-Freixenet auch, dass – vor allem in Amerika – vor Neubestellungen die Lagerbestände deutlich abgesenkt werden. Das sei eine Folge von Zinsen und Zöllen.

Brokemper sieht auch positive Tendenzen und Signale. Die „Aperitif-Kultur“, also ein Glas zur Entspannung nach getaner Arbeit, gewinne an Bedeutung, wovon vor allem Mixgetränke profitierten. Der Markt an Fertig-Mix-Getränke lege zu, und das wachsende Gesundheitsbewusstsein kurbele die Nachfrage nach alkoholreduzierten und alkoholfreien Getränken an. Durch den Einsatz modernster Technologien gebe es bei den alkoholfreien Varianten, die Henkell-Freixenet zu fast allen wichtigen Marken offeriert, einen schmeckbaren Qualitätssprung.

Bewusster Alkoholkonsum sei kein „Nischentrend“ mehr, sondern entwickele sich zu einem „relevanten Marktsegment mit klaren Wachstumspotentialen.“ Bei Mionetto Aperitivo Alkoholfrei berichtet Henkell-Freixenet von einem Absatzplus von 18 Prozent.

Gut läuft es demnach auch für Kategorie Crémant. Laut Brokemper entwickelte sich der Absatz des Gesamtmarktes im vergangenen Jahr um 7,5 Prozent nach oben. Die hauseigene Marke Gratien Meyer wuchs mit 14 Prozent überdurchschnittlich.

Dagegen büßte der Umsatz mit der Kernmarke Henkell rund zwölf Prozent ein, und bei Freixenet belief sich das Minus auf vier Prozent, das Brokemper unter anderem als Folge notwendiger Preiserhöhungen sieht. Die Marke Fürst-von-Metternich blieb stabil, aber nur weil es Innovationen wie einen Grauburgunder-Variante und eine ohne Alkohol gab. Bei der Spirituosen-Marke Wodka Gorbatschow belief sich das Minus auf acht Prozent.

Bemerkenswert sind die regionalen Umsatz-Unterschiede auf der Weltkarte von Henkell-Freixenet: Während Amerika um 19 Prozent auf 263,5 Millionen Euro zulegte, verlor die DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz) vier Prozent auf 333,6 Millionen Euro. In Osteuropa war das Minus ähnlich hoch, während Westeuropa als wichtigster Markt immerhin ein Prozent auf 400,7 Millionen Euro zulegte.

Brokemper  bestätigte, dass der Schaumweinmarkt noch immer eine „Insel der Seligen“ angesichts der Verwerfungen auf dem Weinmarkt sei. Bei Prognosen für das laufenden Jahr war Brokemper zurückhaltend, zumal der Markterfolg im ersten Quartal auch davon abhängig sei, wie das Osterfest im Kalender liege. Brokemper ist gleichwohl optimistisch, weil Henkell-Freixenet in den Wachstumsmärkten stark positioniert und die „Innovationspipeline“ gefüllt sei. Erwartungen knüpft Brokemper zudem an die Übernahme des Vertriebs des amerikanischen Schaumweinerzeugers Korbel. Das stärke die eigene Stellung im für Henkell zweitgrößten Schaumweinmarkt – auch wenn die Zollpolitik und nachfolgende Preiserhöhungen den Konsum dämpften. Henkell hat zudem in Irland, Kroatien und Argentinien neue Vertriebsgesellschaften zur Stärkung der Internationalisierung gegründet. (verfasst für die FAZ -Ausgabe vom 30. April 2026)

VDP.Weinbörse Mainz

Die von Überproduktion, Absatzschwäche, Kostendruck und Konsumentenzurückhaltung getriebene Krise ist für die deutschen Winzer keine neue Erfahrung. Anlässlich der Eröffnung der VDP-Weinbörse in der Mainzer Rheingoldhalle erinnerte der Präsident des Verbands, der Pfälzer Winzer Steffen Christmann, an düstere Zeiten. So wie vor 100 Jahren, als sich die Prädikatsweingüter den Adler zum Markenzeichen wählten, aber die zeitgenössischen Klagen denen von heute glichen: Die Preisbildung für Wein stehe in keinem Verhältnis mehr zu den Produktionskosten, zitierte Christmann Berichte über Preisverfall, stockenden Absatz und unverkäufliche Fassweine in den Winzerkellern. Christmann versuchte, mit dem Blick die aktuelle Krisensituation zu relativieren. Ihm sei um die Zukunft nicht bange, so Christmann, wenn die Winzer bereit seien, die Krise als herausfordernden Strukturwandel zu verstehen.

Unter den fast 200 VDP-Winzern, die mehr als 2000 Fachbesuchern aus Handel, Gastronomie und Fachpresse den neuen Jahrgang und gereifte Spitzenweine vorstellten, war das Stimmungsbild heterogen und reicht von Verzagtheit bis Aufbruchstimmung. Unter den Besuchern war auch der Präsident des Deutschen Weinbauverbandes, Klaus Schneider, der mit Hessens Weinbauminister Ingmar Jung (CDU) eine Verkostungsrunde drehte. Schneider sprach von einer für viele Betriebe existenziellen Krise. Er hofft, dass die Politik eine Forderung des Verbands aufnimmt, für ausländische Saisonarbeitskräfte Ausnahmen vom Mindestlohn zuzulassen. Der Mindestlohn sei neben der Bürokratie „tödlich“ für den Weinbau, sagte Saar-Spitzenwinzer Roman Niewodnczanski. Seine Erwartung: „Qualität setzt sich durch“. Seine Kollege von der Nahe, Georg Rumpf, wirbt dafür, die Probleme nicht kleinzureden, aber auch nicht in Jammern zu verfallen. Er hat in der Krise die Rebfläche sogar vergrößert, um »nicht jede Traube ernten zu müssen«. Wenn weinbaulich nicht besonders wertvolle Rebflächen aufgegeben werden, ist das seiner Ansicht nach nicht zum Schaden. Eine Meinung, die von vielen Kollegen geteilt wird. Allerdings haben die Winzer noch keine Antwort darauf, wie sie es steuern wollen, dass ein Rückgang der Rebfläche die „richtigen“ und nicht die „besten“ Lagen trifft. Denn unter diesen besten Lagen sind vor allem viele Steilhänge von Weltruf, an die VDP-Präsident Christmann große Hoffnung knüpft.

Schließlich wollten die Winzer nicht nur des VDP das allein am Mostgewicht orientierte Weingesetz von 1971 endgültig hinter sich lassen und auf die Herkunft – als den Weinberg – als Gütezeichen setzen. „Wir dürfen unsere Visionen nicht verlieren“, sagt der Hochheimer Winzer Gunter Künstler. Und er fordert seine Kollegen und die Branche auf, entschiedener in Diskussionen wie die Schädlichkeit von Alkohol aufzutreten. Schließlich stehe der Weinbau auch für die Pflege einer intakten Kulturlandschaft und sichere direkt und mittelbar viele Arbeitsplätze und die Existenz der Winzerfamilien im ländlichen Raum. Dass es weniger werden, ist unbestritten. „Wir sind in einem Konzentrationsprozess“, sagte der Betriebsleiter eines großen Traditionsweingutes. Und für alle Winzer hat sich der Aufwand, eine Flasche Wein zu verkaufen, spürbar erhöht.

Das zeigen auch die aktuellen Zahlen des VDP. Der Verband, der sich das Speerspitze der deutschen Qualitätserzeuger sieht, beschreibt 2025 als ein „herausforderndes Jahr, das durch Konsumzurückhaltung und dynamische Kostenentwicklung“ geprägt war. Der Gesamtabsatz sank auf 33,5 Millionen Flaschen (Vorjahr: 35,7 Millionen Flaschen) wegen Ernteausfällen durch Frost im Vorjahr und die Kaufzurückhaltung der Konsumenten. „Der Binnenmarkt bleibt geprägt von Konsumzurückhaltung, und bei Wein wird im Einkauf stärker auf Preis und Anlass geachtet.“, heißt es in der Jahresbilanz. Umso mehr ruhen die Hoffnung auf dem Jahrgang 2025, den VDP-Präsident Steffen Christmann für außerordentlich hält: „Ich erinnere mich kaum an ein anderes Jahr, das uns so exzellente Trauben geschenkt hat. Wenig, aber wunderbar.“

Das Umsatzvolumen der VDP-Weingüter wird 2025 mit 426 Millionen Euro angegeben. 22 Prozent der Erzeuger melden steigende und 31 Prozent stabile Umsätze. Belastet werden die Weingüter durch höhere Kosten und einen gestiegenen Aufwand im Verkauf. Der Markt verlange mehr Präsenz, mehr Transparenz und mehr Beziehungspflege. Viele Weingüter sprechen daher nicht von einer Krise, sondern einem Strukturwandel, der deutlich mehr Engagement der Erzeuger fordere, beispielsweise durch Veranstaltungen, Reisen in die Exportländer, durch Verkostungen und neue Ideen beim Verkauf. Rund jede fünfte Flasche wird weiterhin in die Gastronomie verkauft. Der klassische Lebensmittelhändler gilt hingegen als „optionaler Kanal“ mit einem durchschnittlichen Absatzanteil von rund sechs Prozent. Die Discounter wie Aldi liegen bei unter einem Prozent und spielen für den VDP „praktisch keine Rolle.“ Anders der Export: 38 Prozent der Betriebe berichten von steigenden und 32 Prozent von stabilen Exportabsätzen. Insgesamt bleibt der Exportanteil im Absatz zwar bei rund einem Viertel. Zu den wichtigsten Märkten zählen weiterhin Skandinavien vor den Vereinigten Staaten und Großbritannien sowie der Schweiz. Bis Ende 2025 haben sich alle VDP-Betriebe als nachhaltig zertifizieren lassen. Von ihnen wirtschaften 82 ökologisch, und jedes zehnte Weingut arbeitet biodynamisch.

Der F.A.Z.-Redakteur Jakob Strobel y Serra wurde für sein publizistisches Eintreten für den deutschen Wein mit der selten vergebenen VDP-Trophy „Herkunft Deutschland“ ausgezeichnet, die ich selbst vor 25 Jahren als erster Preisträger gemeinsam mit Daniel Deckers erhalten habe.

Die Laudatio hielt Fernsehmoderator und Weingutsbesitzer Günter Jauch, der den Preisträger dafür lobte, »dem Riesling rhetorische Kränze zu flechten«. Strobel forderte mehr Respekt vor einem der ältesten Kulturgüter der Menschen und wandte sich gegen die pauschale Verteufelung jeden Alkoholgenusses. Jeder müsse selbst entscheiden, was gut für ihn sei. Wein mache glücklich, und ihm sei bisweilen ein Kater lieber als ein Magengeschwür.  (ausführlichere Fassung meines Textes für die FAZ vom 28.April 26).

Kurztrip Champagne

Kaum aus Südafrika zurück ging es drei Tage in die Champagne. In Reims haben wir diesmal nicht Pommery, sondern Taittinger besucht. Der Keller ist schön, kann aber nicht ganz mit Pommery mithalten. Das gilt auch für den Schampus, denn als „Philosophie“ durchweg 9 Gramm Dosage (wir nahmen Brut Reserve und Prestige Rosé) zuzugeben, war unserer kleinen Reisegruppe deutlich zu viel. Da gefiel es uns im mondänen Ruinart deutlich besser. Tolle Bar, toller Champagner (Millesime 2016).

In Kiedrichs Partnergemeinde Hautvillers ist ein Besuch des Grabs vom Dom Perignon natürlich Pflicht (neue Weinbar am Ortseingang!), getrunken haben wir den 2017er Dom dann aber in der Weinbar von Moët & Chandon in sehr schöner Atmosphäre (ausnahmsweise 61 Prozent Chardonnay, 39 Pinot Noir), bei 5 Gramm Dosage. Sehr fein, sehr komplex, braucht Luft und wird dann immer besser.

Dinner in der Banque de France, bei Elodie D. und im Grillade Gourmande, beides top! mit Champagner-Entdeckungen wie dem Autreau Reserve brut Grand Cru, dem Gobillard Pur Pinot Noir oder dem Crete Chamberlin CDB Grand Cru aus 2019. Top auch Pierre Mignon Non Dosage und Legras & Haas Evidence Blanc de Blancs extra brut. Unsere Neu-Entdeckung der Reise: Guy Charbaut in Mareuil-sur-Ay, wo ich einiges gekauft habe. Natürlich waren wir auch bei Boizel, de Venoge und Gosset, wo es der „Zero Dosage“ noch auf meine Einkaufsliste geschafft hat. Nächstes Mal muss ich mir Gastron Burtin ansehen, aber auch Damien Hugot, Tarlant und Louis Nicaise ansehen. Letzter scheint ein echter Geheimtippt…. also pssst.