Kann ein großer Riesling je zu alt sein? Jedenfalls nicht, wenn es nach Weinkritiker Stuart Pigott geht. Vor knapp 200 Winzern, Weinexperten und Weinjournalisten zelebrierte Pigott eine von vier großen Proben des Internationalen Riesling-Symposiums, das Mitte Mai von den Prädikatsweingütern (VDP) im Kloster Eberbach organisiert wurde. Es war seit 2010 das fünfte Mal, dass der Weinkongress um die führende deutsche Rebsorte im Rheingau organisiert wurde. In den Zwischenjahren hatte es in der Vergangenheit vergleichbare Symposien in Australien und den Vereinigten Staaten gegeben, die aber nach Corona keine Neuauflage mehr erfahren haben.
Warum sollte der Weinfreund reife Wein trinken, wenn doch jedes Frühjahr ein neuer Jahrgang in die Flasche gefüllt wird? Jedenfalls nicht, wenn der reife Wein fast genauso schmeckt wie ein junger. Der „alte Kram“ müsse etwas anderes bieten, so Pigott, der vorzugsweise knapp zehn Jahre alte Rieslinge trinkt. Dann sind die besonders fruchtigen Primäraromen verflogen, doch sind unschöne Altersnoten noch weit entfernt. Die hat er selbst in einem 1915er Markobrunner nicht gefunden: dem ältesten trocken Wein, den er bislang verkostet hat.
Pigott erwartet, dass absehbar mehr reife Weine angeboten werden als gegenwärtig. Denn eine Folge der akuten „Weltweinkrise“ sei ein gebremster Abverkauf der jungen Weine und eine deshalb „langsamere Bewegung“ im Weinmarkt. Daher gewinne das Segment gereifter Weine an Bedeutung. Pigott verglich die Reifung von Weinen mit einem Ball, der einen Hang hinunterrollt. Je flacher der Hang und je langsamer das Tempo des Balls, desto höher die Chance auf einen Reifeprozess, der das Geschmacksbild fördert. Die besten Voraussetzungen hätten Weine, die schon in der Jugend von innerer Harmonie geprägt seien, so Pigott.
„Frontal anpacken“ wollte Pigott mit der Probe die März, dass mit Schraubverschluss versehene Weine kaum oder gar nicht altern. Das sei Unsinn, sagte Pigott mit Blick auf die seit dem Jahr 2000 beobachtete Entwicklung in der Weinbranche, auch hochwertige Weine nicht länger mit Korken zu verschließen.
Eröffnet hatte das Symposium der Vorstandschef des Weinhandelsunternehmens Hawesko, Thorsten Hermelink. Deutschland und seine Winzer träten mit ihrem Riesling „viel zu bescheiden“ auf, lautete seine Einschätzung. Es gebe zu Unrecht keinen Stolz auf diese Rebsorte, obwohl sie anderen Weißweinen auf der Welt in nichts nachstehe. Die deutsche Bescheidenheit sei nicht angebracht. Der deutsche Wein habe am gesamten Hawesko-Sortiment inzwischen einen Anteil von rund 20 Prozent. Hermelink forderte die Winzer auf, mehr Selbstbewusstsein zu zeigen, zumal schon aus demographischen Gründen der Weinmarkt absehbar nicht expandieren werde.
Mehr Selbstbewusstsein könnten die deutschen Winzer aus der Vergangenheit und den Erfolgen im 19. Jahrhundert ziehen. Weinhistoriker Daniel Deckers erinnerte in einem Exkurs an jene Zeiten, als Riesling besser und teurer war als die besten französischen Tropfen und britische Journalisten unter anderem Schloss Johannisberg und seinem Jahrgang 1862 bescheinigten, dass nur Riesling solche Weltklasseweine hervorbringen könne.
Damals seien nur die besten – und teuersten – deutschen Weine nach England exportiert worden. Dennoch sei das Leben der Winzer hart gewesen, weil Rebkrankheiten grassierten und längst nicht jeder Jahrgang ausreifte. Mit dem Ersten Weltkrieg begannen für die deutschen Winzer laut Deckers „bittere Zeiten“, von denen sie sich bis zum Zweiten Weltkrieg kaum erholt hatten. Danach begann das Elend der 1970 und 1980er Jahre, als Über- und Massenproduktion in belanglos-süße Weine mündete.
Es war die Zeit, als das Mostgewicht alleiniger Maßstab für vermeintlich objektiv messbare Qualität war. Heute geht es den Winzern um Herkunft. Dabei dürfe aber der Spaß am Wein nicht aus dem Blick geraten, so Rheinhessen-Winzer Dirk Würtz. Schließlich wolle er über Wein keine Doktorarbeit schreiben. Und ein Spitzenwein müsse immer schmecken, „egal, wie alt er ist.“
Keine Rolle spielten im Kloster alkoholfreie Varianten, auch wenn dies in einem schrumpfenden Markt noch Wachstumschancen verspricht. Weinkritiker Pigott ließ es an Klarheit gegenüber alkoholfreien Weinen nicht fehlen: Was ist daran schonend, was nachhaltig? Nichts!“ (aus meinem Bericht für die FAZ vom 13. Mai).
