VDP.Weinbörse Mainz

Die von Überproduktion, Absatzschwäche, Kostendruck und Konsumentenzurückhaltung getriebene Krise ist für die deutschen Winzer keine neue Erfahrung. Anlässlich der Eröffnung der VDP-Weinbörse in der Mainzer Rheingoldhalle erinnerte der Präsident des Verbands, der Pfälzer Winzer Steffen Christmann, an düstere Zeiten. So wie vor 100 Jahren, als sich die Prädikatsweingüter den Adler zum Markenzeichen wählten, aber die zeitgenössischen Klagen denen von heute glichen: Die Preisbildung für Wein stehe in keinem Verhältnis mehr zu den Produktionskosten, zitierte Christmann Berichte über Preisverfall, stockenden Absatz und unverkäufliche Fassweine in den Winzerkellern. Christmann versuchte, mit dem Blick die aktuelle Krisensituation zu relativieren. Ihm sei um die Zukunft nicht bange, so Christmann, wenn die Winzer bereit seien, die Krise als herausfordernden Strukturwandel zu verstehen.

Unter den fast 200 VDP-Winzern, die mehr als 2000 Fachbesuchern aus Handel, Gastronomie und Fachpresse den neuen Jahrgang und gereifte Spitzenweine vorstellten, war das Stimmungsbild heterogen und reicht von Verzagtheit bis Aufbruchstimmung. Unter den Besuchern war auch der Präsident des Deutschen Weinbauverbandes, Klaus Schneider, der mit Hessens Weinbauminister Ingmar Jung (CDU) eine Verkostungsrunde drehte. Schneider sprach von einer für viele Betriebe existenziellen Krise. Er hofft, dass die Politik eine Forderung des Verbands aufnimmt, für ausländische Saisonarbeitskräfte Ausnahmen vom Mindestlohn zuzulassen. Der Mindestlohn sei neben der Bürokratie „tödlich“ für den Weinbau, sagte Saar-Spitzenwinzer Roman Niewodnczanski. Seine Erwartung: „Qualität setzt sich durch“. Seine Kollege von der Nahe, Georg Rumpf, wirbt dafür, die Probleme nicht kleinzureden, aber auch nicht in Jammern zu verfallen. Er hat in der Krise die Rebfläche sogar vergrößert, um »nicht jede Traube ernten zu müssen«. Wenn weinbaulich nicht besonders wertvolle Rebflächen aufgegeben werden, ist das seiner Ansicht nach nicht zum Schaden. Eine Meinung, die von vielen Kollegen geteilt wird. Allerdings haben die Winzer noch keine Antwort darauf, wie sie es steuern wollen, dass ein Rückgang der Rebfläche die „richtigen“ und nicht die „besten“ Lagen trifft. Denn unter diesen besten Lagen sind vor allem viele Steilhänge von Weltruf, an die VDP-Präsident Christmann große Hoffnung knüpft.

Schließlich wollten die Winzer nicht nur des VDP das allein am Mostgewicht orientierte Weingesetz von 1971 endgültig hinter sich lassen und auf die Herkunft – als den Weinberg – als Gütezeichen setzen. „Wir dürfen unsere Visionen nicht verlieren“, sagt der Hochheimer Winzer Gunter Künstler. Und er fordert seine Kollegen und die Branche auf, entschiedener in Diskussionen wie die Schädlichkeit von Alkohol aufzutreten. Schließlich stehe der Weinbau auch für die Pflege einer intakten Kulturlandschaft und sichere direkt und mittelbar viele Arbeitsplätze und die Existenz der Winzerfamilien im ländlichen Raum. Dass es weniger werden, ist unbestritten. „Wir sind in einem Konzentrationsprozess“, sagte der Betriebsleiter eines großen Traditionsweingutes. Und für alle Winzer hat sich der Aufwand, eine Flasche Wein zu verkaufen, spürbar erhöht.

Das zeigen auch die aktuellen Zahlen des VDP. Der Verband, der sich das Speerspitze der deutschen Qualitätserzeuger sieht, beschreibt 2025 als ein „herausforderndes Jahr, das durch Konsumzurückhaltung und dynamische Kostenentwicklung“ geprägt war. Der Gesamtabsatz sank auf 33,5 Millionen Flaschen (Vorjahr: 35,7 Millionen Flaschen) wegen Ernteausfällen durch Frost im Vorjahr und die Kaufzurückhaltung der Konsumenten. „Der Binnenmarkt bleibt geprägt von Konsumzurückhaltung, und bei Wein wird im Einkauf stärker auf Preis und Anlass geachtet.“, heißt es in der Jahresbilanz. Umso mehr ruhen die Hoffnung auf dem Jahrgang 2025, den VDP-Präsident Steffen Christmann für außerordentlich hält: „Ich erinnere mich kaum an ein anderes Jahr, das uns so exzellente Trauben geschenkt hat. Wenig, aber wunderbar.“

Das Umsatzvolumen der VDP-Weingüter wird 2025 mit 426 Millionen Euro angegeben. 22 Prozent der Erzeuger melden steigende und 31 Prozent stabile Umsätze. Belastet werden die Weingüter durch höhere Kosten und einen gestiegenen Aufwand im Verkauf. Der Markt verlange mehr Präsenz, mehr Transparenz und mehr Beziehungspflege. Viele Weingüter sprechen daher nicht von einer Krise, sondern einem Strukturwandel, der deutlich mehr Engagement der Erzeuger fordere, beispielsweise durch Veranstaltungen, Reisen in die Exportländer, durch Verkostungen und neue Ideen beim Verkauf. Rund jede fünfte Flasche wird weiterhin in die Gastronomie verkauft. Der klassische Lebensmittelhändler gilt hingegen als „optionaler Kanal“ mit einem durchschnittlichen Absatzanteil von rund sechs Prozent. Die Discounter wie Aldi liegen bei unter einem Prozent und spielen für den VDP „praktisch keine Rolle.“ Anders der Export: 38 Prozent der Betriebe berichten von steigenden und 32 Prozent von stabilen Exportabsätzen. Insgesamt bleibt der Exportanteil im Absatz zwar bei rund einem Viertel. Zu den wichtigsten Märkten zählen weiterhin Skandinavien vor den Vereinigten Staaten und Großbritannien sowie der Schweiz. Bis Ende 2025 haben sich alle VDP-Betriebe als nachhaltig zertifizieren lassen. Von ihnen wirtschaften 82 ökologisch, und jedes zehnte Weingut arbeitet biodynamisch.

Der F.A.Z.-Redakteur Jakob Strobel y Serra wurde für sein publizistisches Eintreten für den deutschen Wein mit der selten vergebenen VDP-Trophy „Herkunft Deutschland“ ausgezeichnet, die ich selbst vor 25 Jahren als erster Preisträger gemeinsam mit Daniel Deckers erhalten habe.

Die Laudatio hielt Fernsehmoderator und Weingutsbesitzer Günter Jauch, der den Preisträger dafür lobte, »dem Riesling rhetorische Kränze zu flechten«. Strobel forderte mehr Respekt vor einem der ältesten Kulturgüter der Menschen und wandte sich gegen die pauschale Verteufelung jeden Alkoholgenusses. Jeder müsse selbst entscheiden, was gut für ihn sei. Wein mache glücklich, und ihm sei bisweilen ein Kater lieber als ein Magengeschwür.  (ausführlichere Fassung meines Textes für die FAZ vom 28.April 26).

Kurztrip Champagne

Kaum aus Südafrika zurück ging es drei Tage in die Champagne. In Reims haben wir diesmal nicht Pommery, sondern Taittinger besucht. Der Keller ist schön, kann aber nicht ganz mit Pommery mithalten. Das gilt auch für den Schampus, denn als „Philosophie“ durchweg 9 Gramm Dosage (wir nahmen Brut Reserve und Prestige Rosé) zuzugeben, war unserer kleinen Reisegruppe deutlich zu viel. Da gefiel es uns im mondänen Ruinart deutlich besser. Tolle Bar, toller Champagner (Millesime 2016).

In Kiedrichs Partnergemeinde Hautvillers ist ein Besuch des Grabs vom Dom Perignon natürlich Pflicht (neue Weinbar am Ortseingang!), getrunken haben wir den 2017er Dom dann aber in der Weinbar von Moët & Chandon in sehr schöner Atmosphäre (ausnahmsweise 61 Prozent Chardonnay, 39 Pinot Noir), bei 5 Gramm Dosage. Sehr fein, sehr komplex, braucht Luft und wird dann immer besser.

Dinner in der Banque de France, bei Elodie D. und im Grillade Gourmande, beides top! mit Champagner-Entdeckungen wie dem Autreau Reserve brut Grand Cru, dem Gobillard Pur Pinot Noir oder dem Crete Chamberlin CDB Grand Cru aus 2019. Top auch Pierre Mignon Non Dosage und Legras & Haas Evidence Blanc de Blancs extra brut. Unsere Neu-Entdeckung der Reise: Guy Charbaut in Mareuil-sur-Ay, wo ich einiges gekauft habe. Natürlich waren wir auch bei Boizel, de Venoge und Gosset, wo es der „Zero Dosage“ noch auf meine Einkaufsliste geschafft hat. Nächstes Mal muss ich mir Gastron Burtin ansehen, aber auch Damien Hugot, Tarlant und Louis Nicaise ansehen. Letzter scheint ein echter Geheimtippt…. also pssst.

Kurztrip Südafrika

Mal wieder in Südafrika, ein Kurztrip nach Johannesburg. Das Bemerkenswerte
daran: auch 1000 Kilometer von den Winelands rund um Stellenbosch entfernt
haben ALLE Restaurants eine bemerkenswerte Auswahl (ausschließlich)
südafrikanischer Weine im Angebot. Unvorstellbar, dass in Hamburger Lokalen
ausschließlich eine gute Auswahl teils sehr hochwertiger deutscher Weine auf
den Karten zu finden ist. Aber genug meiner häufigen Klage über den
erschreckenden und zugleich beschämenden Mangel an Weinpatriotismus in
Deutschland, wo gerade einmal vier von zehn Flaschen konsumierten Weins
hiesiger Herkunft sind….
Kanonkop 2023 Kadette Pinotage: Wahnsinnig gute Basisqualität einer
Rebsorte, die gar nicht genug beachtet werden kann. Wenn ich in Südafrika bin,
dann trinke ich rot vornehmlich nur Pinotage, Syrah und Red Blends.
Bei den Weißen fällt meine Wahl fast immer auf Chenin Blanc, Chardonnay und
White Blends wie den 2025 Buitenverwachting Buiten Blanc zu Garnelen vom
Allerfeinsten, den 2025 Babylonstoren Chenin Blanc zum Filet von Kingklip oder
den 2024 Glen Carlou Chardonnay zum Filetsteak. Eine ganz neue Erfahrung
war der 2020 Chenin Blanc W.O. Swartland Great Heart aus dem MullineuxUmkreis. Respekt.

Probe: The Art of Rosé

Rosé liegt im Trend, aber herausragende Rosé-Weine sind in Deutschland echte Raritäten. Ein Rosé kann viel mehr sein als ein jugendlich-unkomplizierter, bisweilen belangloser und häufig eher süßer Tropfen, der für kleines Geld auf Weinfesten ausgeschenkt wird. Denn es gibt Winzer, die nach dem Vorbild ihrer Kollegen in der Provence aus roten Trauben sehr hochwertige, komplexe, hochfeine Rosé-Weine keltern und damit für überraschende Geschmackserlebnisse sorgen.

Es sind animierende Weine, die auch im Winter für große Genussmomente stehen. Sie verkraften leicht einige Jahre der Reife, während denen sie an Charakter gewinnen.

Bei einigen der besten Winzer Deutschlands habe ich die besten Rosé für eine besondere Probe ausgewählt. Es geht am 13. Mai um eine Reise in vier renommierte deutsche Anbaugebiete. Ich stelle vier Sekte und Weine aus vier unterschiedlichen Jahrgängen vor. Es sind vier Beispiele für die Handwerkskunst qualitätsbesessener und renommierter Winzer aus dem Kreis der Elite des deutschen Weinbaus. Mehr für alle FAZ-Abonnenten unter dem nachfolgenden Link: https://selection.faz.net/veranstaltungen/digitale-weinprobe-roseweine

Die „Ente“ jetzt im Kloster

Für die auf mindestens zwei Jahre veranschlagte Sanierung des Wiesbadener Luxushotels Nassauer Hof ist dessen kulinarisches Aushängeschild, das Sternelokal „Ente“, in den Rheingau gezogen. Nach 46 Jahren an der Wilhelmstraße heißt die Adresse nun Kloster Eberbach. Das Pfortenhaus wurde für die Ansprüche eines Gourmetlokals umgestaltet. Dort erwartet Küchenchef und Sternekoch Michael Kammermeier mit seinem trotz Umzugs personell unveränderten Küchenteam die Gäste, ebenso die Servicebrigade unter Restaurantleiter Jimmy Ledemazel.  

Die Eröffnung wurde mit 130 geladenen Gästen aus Wiesbaden und der Region gefeiert. Vo, 18. März an werden im regulären Betrieb 40 Feinschmecker bewirtet. Nach Angaben von Geschäftsführer Jakob Stöhrer bleibt es bei der klassischen internationalen Küche, doch wird sie im Rheingau um lokale Spezialitäten ergänzt. Mit Spannung erwartet wird, ob Kammermeier trotz Umzug den Michelin-Stern ohne Unterbrechung bewahren kann. Nachdem im Nassauer Hof die Umbauarbeiten offenbar noch gar nicht begonnen haben, gibt es zudem Spekulationen, dass das Gastspiel der „Ente“ im Rheingau womöglich deutlich länger dauern könnte als bislang gedacht.

Das Pfortenhaus des Klosters war zuletzt nur noch für Veranstaltungen geöffnet gewesen. Ursprünglich war geplant, dort eiligen Klosterbesuchern und Familien, die keinen Aufenthalt in der Klosterschänke planen, einen preiswerten Snack anzubieten. Dieses kulinarische Konzept erwies sich jedoch als nicht tragfähig und wurde schnell wieder aufgegeben. In der Region wird nun aufmerskam verfolgt, wie sich das Pfortenhaus als Gourmetlokal am Markt bewährt.

Henkell schluckt Freixenet ganz

Acht Jahre nach der Teilübernahme durch Henkell ist der spanische Schaumweinerzeuger Freixenet nun vollständig in den Händen der Wiesbadener. Wie der globale Marktführer Henkell Freixenet berichtet, haben die bisherigen Mitgesellschafter, die Familie Ferrer und José Luis Bonet, ihre verbliebenen Anteile an Freixenet S.A. mit Wirkung vom 2. März 2026 verkauft. Über die finanziellen Details der Transaktion wurden von Henkell Freixenet keine näheren Angaben gemacht.

Vor zehn Jahren waren erste Übernahmegespräche zwischen Henkell und Freixenet öffentlich geworden. Damals soll Henkell nach Angaben in der spanischen Wirtschaftspresse 300 Millionen Euro für einen Anteil von 58 Prozent geboten haben. Unter den drei spanischen Eigentümerfamilien gab es zunächst aber keinen Konsens im Hinblick auf einen Verkauf. Im März 2018 übernahm Henkell dann 50,67 Prozent der Aktien der spanischen Freixenet S. A. und wurde zum Mehrheitseigner des Konkurrenten. Die katalanische Zeitung „La Vanguardia“ nannte seinerzeit einen Kaufpreis von knapp 220 Millionen Euro für die Anteile von Freixenet zahle. Das wollte Henkell weder seinerzeit bestätigen noch dementieren.

Mit der Übernahme des weltweit führenden Cava-Herstellers mit Stammsitz im katalanischen Sant Sadurni d´Anoia, der in 19 Ländern Dependancen unterhielt und in 109 Länder exportierte, stieg das in Henkell Freixenet umfirmierte Unternehmen zum globalen Marktführer für Schaumwein auf. Nach der Übernahme war mit den verbliebenen Anteilseignern ein Gemeinschaftsunternehmen gegründet worden. Laut Henkell Freixenet bleibt Pedro Ferrer dem Unternehmen verbunden und übernimmt ebenso wie José Luis Bonet die Rolle eines Ehrenpräsidenten der Freixenet S.A. Die Familie Ferrer und José Luis Bonet wollen zudem in Ferrer Wines – einer von Pedro Ferrer geführten Gruppe an Weingütern – ausbauen.

Weinauktion: Begehrter Vacano

Bei der diesjährigen Weinversteigerung im Kloster Eberbach haben elf teilnehmende Weingüter insgesamt 42 Auktionslose für die Gesamtsumme von 250.000 Euro verkauft. Angeboten wurden unter anderem Raritäten aus den Schatzkammern und Sonderfüllungen „VDP Auktion. Réserve“. Zu den Höhepunkten zählten der Zuschlag für einen 1926er Spätburgunder aus dem Assmannshäuser Höllenberg der Hessischen Staatsweingüter. Der Erlös von 5100 Euro kommt dem Wiesbadener Verein „Aufwind!“ zugute, der Kinder von an Krebs erkrankten Eltern unterstützt.  Der Spitzenpreis von 12.150 Euro wurde für die Sechs-Liter-Methusalem des Rieslings „Monte Vacano“ des Jahrgangs 2023 aus dem Kiedricher Weingut Robert Weil geboten. Auch die Magnumflaschen (1,5 Liter dieses Weins stießen auf großes Interesse und wechselten jeweils für 1010 Euro den Besitzer. Zum achtzigjährigen Bestehen des Landes Hessen wurde eine Erbacher Marcobrunn Riesling Beerenauslese aus dem Jahr 1946, vorgestellt durch Weinbauminister Ingmar Jung (CDU), für 2800 Euro versteigert.

Vertreten waren die Weingüter Allendorf, Barth, August Eser, Johannishof, Kloster Eberbach, Künstler, von Oetinger, Georg Müller Stiftung, Prinz, Robert Weil sowie das Weingut der Hochschule Geisenheim University. Das Weingut August Eser versteigerte einen 1966er Rauenthaler Rothenberg Riesling feine Auslese aus seiner Schatzkammer. Die Georg Müller Stiftung bot eine 2006er „Cuvée Katharina“ Riesling Auslese an. Und die Staatsweingüter Kloster Eberbach präsentierten einen 2016er Assmannshäuser Höllenberg Frühburgunder. Der einzige Schaumwein der Auktion kam aus Wein- und Sektgut Barth: Der 2021er Riesling Sekt Brut fand für 65 Euro je Flasche neue Besitzer.

Wer um Himmels willen gründet in diesen Zeiten ein Weingut?

Mein Blick schweift ab: von den Rieslingflaschen auf dem Tisch hin zur imposanten Stahleck, die über der „heimlichen Hauptstadt der Rheinromantik“ thront. Da ist Bacharach mit seiner weithin intakten Stadtmauer und den pittoresken Häusern dahinter. Die Perle im Unesco-Welterbe Oberes Mittelrheintal ist der Geburtsort eines neuen Weinguts, das unter Kennern ein Geheimtipp ist. Denn trotz manch überzeugender Beurteilung in diversen Weinführern ist die Marktpräsenz der Tropfen aus dem Weingut Bär überschaubar. „Der Verkauf ist unsere größte Baustelle“, gibt Hermann Bär unumwunden zu. Noch ist die Gelassenheit ebenso groß wie der Optimismus, dass sich die immense Arbeit in den Steillagen rund um Bacharach bald auszahlen wird. Schon in diesem Jahr könnte eine „rote Null“ in der Bilanz stehen – sofern nicht abermals bedeutende Investitionen getätigt werden müssen.

Wer kauft in diesem Zeiten ein traditionsreiches Weingut und gründet auf dessen Fundamenten sein eigenes? Wer lässt sich auch von Warnungen wohlmeinender Wegbegleiter und Fachleuten der Branche nicht abschrecken? Hermann Bär hat für sich und seine Familie mit dem Erwerb des renommierten Weinguts Bastian einen lange gehegten Wunsch erfüllt und ein beharrlich verfolgtes Ziel erreicht.

Damit hat die Familie ihren Lebensmittelpunkt in der Bodenseeregion und betreibt in Süd-Württemberg und in Freiburg insgesamt sieben Apotheken. Die Liebe zum Wein kam mit dem Vater und dessen gepflegtem Weinkeller, in dem vor allem lieblicher Riesling aus Rheinhessen lagerte. „Ich bin mit Wein aufgewachsen“, sagt Bär. Wenig überraschend also, dass er neben der Apotheke mit später drei Filialbetrieben auch einen Weinhandel aufzog. Weil die Qualität vieler deutscher Weine zu jener Zeit eher mäßig war, konzentrierte sich Bär auf Bordeaux. Die Leidenschaft für den Riesling allerdings blieb davon unberührt. Sohn Peter begeisterte sich ebenfalls, gründete in Freiburg ein Weinfachgeschäft und ließ dem Studium der Betriebswirtschaft noch „Weinbau und Önologie“ in Geisenheim folgen.

Ein für die Übernahme geeignetes Weingut sollte vor allem drei Kriterien erfüllen: eine Immobilie mit Flair und „Seele“, wie es Gabi Bär formuliert. Fokussiert auf den Anbau der Lieblingsrebsorte Riesling und ausgestattet mit besten Lagen, auf denen sich herausragende Tropfen erzeugen lassen. Im Rheingau fand sich nichts Passendes, auch nicht in der Pfalz. Den Durchbruch brachte dann ein Tipp des früheren Verwalters von Schloss Vollrads im Rheingau, Rowald Hepp. Denn Friedrich Bastian, Winzer in achter Generation, war gewillt, sein VDP-Weingut Bastian zu veräußern. Mitsamt der 1880 als Sektkellerei erbauten Immobilie und der kleinen Rheininsel Heyles’en Werth. Die war vor 50 Jahren Drehort für eine Schlüsselszene des Spielfilms „Im Lauf der Zeit“ des Filmemachers Wim Wenders.

Die rund 800 Meter lange Insel ist mit knapp 1,7 Hektar Rebfläche vor allem ein wichtiger Weinbaustandort, denn hier wird der exklusivste der vier Lagenweine erzeugt. Als sich die Familien Bär und Bastian im Jahr 2021 über den Handel einig waren, hatte gerade die Corona-Pandemie begonnen. Das Stammhaus des Weinguts wurde kernsaniert, weil der Investitionsstau sich als beträchtlich herausgestellt hatte. Gleichzeitig wurde die Rebfläche von zunächst sechs Hektar schnell erweitert, weil kleinere Winzer ihre Flächen bereitwillig anboten. Inzwischen werden 21 Hektar bewirtschaftet, von denen aktuell 15 im Ertrag stehen. Viel mehr soll es absehbar nicht werden, auch wenn die Familie offen für die Arrondierung ihrer Flächen ist.

Entstanden ist ein neues Weingut mit neuer Philosophie. Die verbliebenen Bastian-Kunden wanderten ab. „Wir haben bei null angefangen“, sagt Peter Bär. Sein Fokus liegt ganz auf trockenen Weinen, die Charakter, Eleganz und den Charakter der Weinlagen zeigen sollen. Ihm geht es um langlebige Weine. Dafür nimmt sich das Weingut Zeit und gibt den Weinen eine längere Reifephase im Keller. „Unser Lagen brauchen Zeit“, sagt Peter Bär.

Dass nach überstandener Pandemie der Start des Weinguts in den Weinverkauf von der größten Krise des Weinbaus in den vergangenen Jahrzehnten überschattet würde, war Pech. Bär ist bewusst, dass der Weinmarkt nicht sehnlich auf ein neues Weingut mit hochpreisigen Weinen gewartet. Globale Überproduktion und Konsumschwäche befeuern im Handel einen harten Preiskampf. Der Marktanteil des deutschen Weins ging hierzulande deshalb noch stärker zurück als der ausländischen Konkurrenz.

Familie Bär ist deshalb nicht bange: „Wir müssen auf allen Hochzeiten spielen und Präsenz zeigen“, sagte Peter Bär. Das Interesse auf einer Weinmesse in Paris sei gut gewesen. In diesem Jahr beteiligt sich das Weingut erstmals an der Messe Prowein in Düsseldorf. Auch die Gastronomie ist im Fokus, um Sommeliers als Multiplikatoren zu gewinnen. Die neue Marke „Weingut Bär“, das sich in einer kleinen Weinnische bewegt, muss noch mit Strahlkraft aufgeladen werden. Das Mittelrheintal als Weinregion ist zu klein und unbekannt, um Bär den nötigen Schub zu geben: „Wir werden es allein schaffen müssen“, sagt Gabi Bär, und ihr Mann Hermann gibt sich keinen Illusionen hin: „Das ist ein weiter Weg“. (aus der F.A.Z.)

Müller leitet Staatsweingüter

Die neue Geschäftsführerin der Hessischen Staatsweingüter, Christine Müller, hat zum Amtsantritt ambitionierte Ziele verkündet. Sie wolle die 2003 in eine GmbH ungewandelten Staatsweingüter in die „Familie der prägendsten Weingüter der Welt“ führen. Eine stringente Marken- und Sortimentsstrategie, der von den Gutsweinen über die Tropfen aus Spitzenlagen bis zu den Schatzkammerweinen reiche, solle Profil und Orientierung schaffen, sagte Müller anlässlich eines Empfangs im Kloster.

Zentral für die neue Strategie sei die Einheit von Kloster und Weingut. Beide gehörten untrennbar zusammen. Die Verzahnung von Kultur, Geschichte und Spitzenwein solle gestärkt werden. Das Weingut solle wieder eine Vorreiterrolle im Weinbau übernehmen: „Wir wollen wieder als Leuchtturm des hessischen Weinbaus wahrgenommen werden.“

Der Fokus liege auf einer konsequenten Konzentration auf Qualität und Herkunft. Der Lagenschatz der Staatsweingüter müsse erlebbar werden. Das Kloster solle Strahlkraft für die Region und darüber hinaus entfalten. „Jede Flasche Wein aus Kloster Eberbach soll ein flüssiger Botschafter für Hessen sein“, so Müller. Sie kündigte eine Verringerung der bewirtschafteten Rebfläche an, allerdings ohne Verkauf oder Verpachtung von Weinbergen. Für die nicht mehr benötigten Weinberge solle es eine „nachhaltige und verantwortbare Nachverwendung“ geben. Das Sortiment werde gestrafft, der Vertrieb auf Auslandsmärkte und Direktkunden neu ausgerichtet. Ein Element dazu sei schon die Wiedereröffnung der KIosterschänke in Eigenregie, die einen guten Start gehabt habe.

In Weinberg und Weinkeller seien neue Impulse gesetzt worden, sagte Müller, ohne allerdings ins Detail zu gehen. Mit den Banken sei tragfähiges Finanzierungskonzept entwickelt worden. In den kommenden fünf Jahren gehe es um wirtschaftliche Stabilität, nachweislich ausgezeichnete Spitzenweine und eine Profilierung der Domänen des Staatsweingutes. Müller kündigte zudem einen „konsequenten Markenrelaunch mit deutlicher Hessenidentität“ an.

Weinbauminister Ingmar Jung (CDU) lobte die neue Intensität der Zusammenarbeit von Weingut und der 1998 gegründeten Klosterstiftung. Die neue Positionierung des Weingut sei vor dem Hintergrund der Herausforderungen auf dem Weinmarkt „alternativlos“. Das Weingut solle sich zudem weiter der Ausbildung von Nachwuchs- und Fachkräften widmen. (aus der F.A.Z.)

Warum der Weinbau weiblicher wird (3)

Die Krise trifft den Weinbau mit Wucht. Globale Überproduktion und Absatzschwäche treffen auf Nachwuchsmangel. So manches Traditionsweingut steht zum Verkauf. Die Hoffnung ist weiblich. Immer mehr – in Geisenheim bestens ausgebildete – Önologinnen übernehmen die von den Vätern aufgebauten Familienbetriebe und führen sie in die Zukunft. Ihr Optimismus ist so groß wie ihre Leidenschaft für herausragend guten Riesling und Spätburgunder. Zu Besuch in drei Weingütern, um deren Entwicklung keinem Weinfreund bange sein muss.

Folge 3: Carolin Weiler, Weingut Weiler, Lorch

Der Weg zur Winzerin verläuft für junge Frauen im Rheingau meist nicht so geradlinig wie für Jungen. Doch auch Umwege führen ans Ziel. Als Carolin Weiler sich mit 16 für das Amt der Lorcher Weinkönigin begeisterte und ihren Eltern eröffnete, einmal in das mehr als 100 Jahre Weingut einsteigen zu wollen, erntete sie keine Begeisterung, sondern Warnungen. Sie solle „lieber was Anständiges“ lernen, wurde ihr beschieden. Weiler ließ sich zwei Jahr zur Sozialassistentin ausbilden und schloss die dreijährige Lehre zur Erzieherin an. Einige Jahre arbeitete sie in Kindertagesstätten, doch sei alles andere als erfüllend gewesen, sagt sie. Und zog die Konsequenzen.

Sie erwarb die allgemeine Hochschulreife, und 2018 begann sie das Studium der Internationalen Weinwirtschaft in Geisenheim. Der Vater habe mit einer Art „Schockstarre“ reagiert, erinnert sich Weiler, und dann doch den Wunsch der Tochter akzeptiert, das arbeitsaufwendige Steillagenweingut zu führen.

Weil es ihr nicht nur um Vertrieb und Marketing ging, sondern um das Handwerk selbst, wechselte sie nach kurzer Zeit in den Studiengang Weinbau und Önologie. Vermutlich hätte den formalen Abschluss längst in der Tasche, wäre ihr nicht der Glücksfall eines außergewöhnlichen, dokumentarischen Filmprojekts dazwischengekommen. „Wein weiblich“ mit Weinkritiker Stuart Pigott begleitete über einen Zeitraum von zwei Jahren die Winzerinnen Theresa Breuer, Eva Vollmer, Silke Wolf – und Carolin Weiler. Heraus kam eine Dokumentation in Spielfilmlänge. Weiler schwärmt noch heute von der Resonanz auf den Film. Das kleine Weingut wurde zudem vom Weinführer Vinum als „Entdeckung des Jahres“ geehrt.

Das alles gab dem Weingut einen bemerkenswerten Schub. In der sicheren Erwartung, dass Tochter Carolin den Betrieb in vierter Generation weiterführen wird, erweiterte Vater Richard den Steillagenbetrieb von drei auf 4,5 Hektar. Und er gab seiner Tochter immer größere Spielräume, auch wenn es ein langer Prozess war, sich aufeinander einzustellen: Hier der bodenständige Praktiker mit jahrzehntelanger Erfahrung, dort die dynamische und vor neuen Ideen sprühende Tochter. Im Sommer 2025 war dann die Betriebsübergabe der nächste logische Schritt.

Ein Schritt, dem laut Weiler „viele familieninterne Gespräche“ vorausgingen. „Ich wollte den Weg gehen, egal wie lange und steinig er wird“, sagt die heute 36 Jahre alte Winzerin. Am Tag nach der Betriebsübernahme habe sie sich erleichtert gefühlt, sei sich aber auch den Pflichten und Risiken bewusst. Auf die Mithilfe ihres Vater sei sie weiter angewiesen. Gerade erst hat Weiler ihr zweites Kind zur Welt gebracht. Sie solle das Weingut gut weiterführen, um es in 30 Jahren an die nächste Generation weitergeben zu können.

Damit das gelingt, müssen die Zahlen stimmen. Nach der Betriebsübernahme hat sie die Weinpreise neu kalkuliert. Ihr geht es vor allem darum, den Kunden den Wert der von Schiefer und Quarzit durchsetzten Steillagen nahezubringen. Der Arbeitsaufwand dort liegt um ein Vielfaches höher als in den maschinell bequem zu bewirtschaftenden Flachlagen. Rund 4,5 Hektar bedeuten in solchen Lagen viel Arbeit, doch kann sich Weiler ein organisches, langsames Wachstum auf bis zu zehn Hektar durchaus vorstellen. Sie will langlebige Weine erzeugen, die ihre Herkunft aus den kargen Mittelrhein-Böden wiederspiegeln. Im europäischen Ausland gibt es inzwischen schon einige Importeure, die diese Wein besonders zu schätzen wissen.

Wäre alles nicht viel einfacher, wenn sie in Walluf statt in Lorch wirtschaften würde? Vielleicht, aber die Lorcherin steht zu ihrer Heimat und sieht eher deren Charme und landschaftlichen Reize, denn die  Nachteile durch die größere Entfernung zu den großen Städten. Lorch sei ein Rohdiamant, der noch zu wenig bekannt sei. Mit ihren Weinen will sie beitragen, das zu ändern. Bange ist ihr vor dem Weg, der vor ihr liegt, aber nicht: „Ich schaffe das.“